Wirtschaftspolitik

Nachfrageorientierte Wirtschaftspolitik

Die nachfrageorientierte Wirtschaftspolitik ist ein Ansatz zur Stärkung schwächelnder Volkswirtschaften. In diesem Beitrag erfährst du  die theoretischen Grundlagen, passende Maßnahmen und Kritikpunkte dieser Wirtschaftstheorie. 

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Inhaltsübersicht

Nachfrageorientierte Wirtschaftspolitik einfach erklärt

Die nachfrageorientierte Wirtschaftspolitik oder auch Nachfragepolitik besagt, dass die gesamtwirtschaftliche Nachfrage die Höhe der Produktion und den Beschäftigungsgrad des Arbeitsmarkts einer Volkswirtschaft bestimmt. Bei dieser makroökonomischen Theorie steht der Staat in der Pflicht durch Steuerungsmaßnahmen und wirtschaftspolitisches Eingreifen die Nachfragesituation zu verbessern. Die Nachfragesteigerung kann durch zusätzliche Staatsausgaben, Beschäftigungsprogramme oder staatliche Investitionszulagen erfolgen. Daraus ergibt sich auch der Gegensatz zur angebotsorientierten Wirtschaftspolitik , bei der der Fokus auf der Angebotsseite liegt und optimale Produktionsbedingungen für Unternehmen geschaffen werden sollen.

Grundidee

Basis der nachfrageorientierten Wirtschaftspolitik sind die ökonomischen Theorien von John M. Keynes und der von ihm begründete Keynesianismus%Link - Nicht online (Stand 07.04.2020). Grundgedanke der Nachfragepolitik ist die Beseitigung kurzfristiger Gleichgewichtsstörungen des Marktes, die zu Schwankungen des Beschäftigungsgrades und der Produktion führen. Da diese Beseitigungsmaßnahmen von staatlicher Seite erfolgen sollen, trägt die nachfrageorientierte Wirtschaftspolitik auch den Namen Fiskalismus. Das Hauptziel der Nachfragepolitik liegt in der Schaffung von Vollbeschäftigung. Um diese zu erreichen springt der Staat ein, um eine ausreichende Nachfrage zu gewährleisten. Staatliche Eingriffe zu Nachfrageförderungen können durch direkte Staatsausgaben oder indirekt durch die Förderung der privaten Nachfrage erfolgen. Ausgabeprogramme zur Steigerung der Nachfrage werden in der Regel über die Aufnahme von Schulden finanziert, da andere Wege der Beschaffung finanzieller Mittel durch den Staat die Nachfrage dämpfen. Das Konzept der Kreditaufnahme für Staatsinvestitionen heißt „deficit spending„.

Nachfrageorientierte Wirtschaftspolitik - Grundidee und Maßnahmen
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Nachfrageorientierte Wirtschaftspolitik – Grundidee und Maßnahmen

Die nachfrageorientierte Wirtschaftspolitik sieht vor, dass ihre Maßnahmen antizyklisch eingesetzt werden. Das bedeutet, der Staat versucht in wirtschaftlichen Schwächephasen einzugreifen und die Nachfrage durch staatliche Investitionen und Konjunkturprogramme künstlich zu beleben. Diese zusätzlichen Ausgaben werden fremdfinanziert, also durch Aufnahme von Krediten.  Kommt die Wirtschaft wieder in Gang, steigen die Produktivität und das Steueraufkommen der Unternehmen. Die derart gestiegenen Staatseinnahmen sollen nun wiederum genutzt werden, um die aufgenommenen Schulden zu begleichen und Rücklagen für einen kommenden Wirtschaftsabschwung zu bilden.

Nachfrageorientierte Wirtschaftspolitik Maßnahmen

Nachfrageorientierte Maßnahmen zielen hauptsächlich auf eine Steigerung der privaten und staatlichen Konsumausgaben ab. Der Staat greift also aktiv in das Wirtschaftsgeschehen ein, um Wirtschaftsabschwünge abzufedern.

  • Förderung privater Nachfrage: Steuersenkungen, abgestufte Besteuerung, Investitionsförderung
  • Direkte staatliche Investitionen: Infrastrukturprojekte, Wohnungsbau
  • Verbrauchsfördernde Rahmenbedingungen: Staatliche Konsumanreize, Erleichterung der Kreditvergabe

Aus Sicht der nachfrageorientierten Theorie lässt sich die Wirtschaftslage einer Volkswirtschaft am effektivsten verbessern, indem die langfristige Einkommenserwartung von Konsumenten gesteigert wird. Senkt der Staat also die Besteuerung von privaten Haushalten, steht diesen mehr Geld zur Verfügung, das sie wiederum ausgeben können. Durch eine Lockerung der Auflagen bei Kreditvergaben kann ebenfalls die Nachfrage erhöht werden. Diese Maßnahme fördert den Konsum, da private Haushalte und Unternehmen leichteren Zugang zu Investitionskapital erhalten und so mehr nachfragen können. 

Nachfrageorientierte Wirtschaftspolitik Kritik

Das Hauptproblem der nachfrageorientierten Wirtschaftspolitik ist, dass ihre Maßnahmen unkalkulierbaren Wirkungsverzögerungen unterworfen sind. Diese Tatsache ist vor allem deshalb problematisch, da die Nachfragepolitik versucht, die Nachfrage in einem bestimmten Zeitraum anzufachen. Zunächst muss demnach überhaupt erst einmal festgestellt werden, dass sich eine negative Konjunkturentwicklung abzeichnet. Die Wirksamkeit nachfrageorientierter Maßnahmen hängt daher stark von der Qualität und der Schnelligkeit der Bestimmung von Konjukturentwicklungen ab.  Ist die Notwendigkeit zum antizyklischen, staatlichen Handeln erkannt, muss eine ökonomische Entscheidung gefunden und politisch umgesetzt werden. Grundsätzlich lässt sich im Vorfeld zudem kaum abschätzen, wann beschlossene Maßnahmen tatsächlich wirtschaftlich greifen. So verändern Steuererleichterungen nur mit einem gewissen Zeitverzug das Konsumverhalten der Begünstigten, da diese sich ihres zusätzlichen Ausgabespielraums erst einmal bewusst werden müssen. Schlimmstenfalls führt der Effekt der Wirkungsverzögerung zu einer Verstärkung der Konjunkturzyklen und damit zu einer Vertiefung von Rezessionsphasen.

Aufgrund der Tatsache, dass die Ankurbelung der Wirtschaft durch die Aufnahme von Schulden finanziert wird, kommt es zu einem Anstieg der Staatsverschuldung. In den gegenläufigen Zyklusphasen , d.h. in wirtschaftlichen Wachstumsphasen, liegt die Verantwortung bei der Regierung eines Staates. Um die aufgenommenen Kredite und Zinsen zurückzahlen zu können, müssen staatliche Investitionen zurückgefahren und Steuern erhöht werden. Es geht also darum, die Antizyklizität diszipliniert einzuhalten und unpopuläre Entscheidungen zu treffen, um so Schulden rezufinanzieren. Weicht eine Regierung aufgrund politischer Abwägungen von diesen theoretischen Vorgaben ab, wächst die Gefahr steigender Staatsverschuldung.

Kritikpunkte der nachfrageorientierten Wirtschaftspolitik sind auch deren strukturverzerrenden Wirkungen. Die Fähigkeit des Staates auf Strukturveränderungen in der Wirtschaft präzise reagieren zu können, wird immer wieder in Frage gestellt. In der Regel werden staatliche Maßnahmen mit der Absicht die Absatzprobleme einzelner Wirtschaftsbereiche zu lösen verabschiedet. Die Ungenauigkeit und schwierige Abschätzbarkeit der Wirkung  der staatlichen Eingriffe führt jedoch dazu, dass gesamtwirtschaftliche Strukturen verschoben werden und notwendige Anpassungsprozesse nicht stattfinden.

Eine weitere Konsequenz der nachfrageorientierten Politik ist das Anwachsen des staatlichen Sektors und der Staatsquote. Die Ausgaben des Staates sind also für einen steigenden Anteil am Bruttoinlandsprodukt verantwortlich. Dieser Anstieg führt zu einer Erhöhung der Steuer- und Abgabenlast für private Haushalte und Unternehmen. Durch die hohe Staatsquote werden Unternehmen zudem vom Wettbewerb des freien Marktes abgeschirmt und so deren Leistungsbereitschaft und -vermögen gemindert.

Historische Beispiele

Im Nachkriegsdeutschland setzte erstmals die Große Koalition unter Bundeskanzler Kiesinger und Wirtschaftsminister Karl Schiller als Reaktion auf das Abflachen des langjährig anhaltenden Wirtschaftswachstums auf eine nachfrageorientierte Wirtschaftspolitik. Das Stabilitätsgesetz des Jahres 1967 symbolisiert die Abkehr von der bisher praktizierten ordoliberalen Politik der Zeit des deutschen Wirtschaftswunders. Diese Politik sah eine passive Rolle des Staates vor, der als Ordnungswächter des Marktes auftritt, ohne dabei direkte Wirtschaftseingriffe vorzunehmen. Da die Wirtschaft Ende der 60er jedoch erstmals seit der Einführung der D-Mark stagnierte, wurde eine Konjunkturausgleichsrücklage beschlossen, die in Rezessionsphasen die Grundlage für Nachfrageprogramme bilden sollte. Zugleich sah der Beschluss in Zeiten wirtschaftlichen Aufschwungs Steuererhöhungen vor und ging so der antizyklischen Vorgabe der nachfrageorientierten Wirtschaftspolitik nach.

Im Zuge der globalen Finanzkrise 2008 und der damit einhergehenden Wirtschaftsrezession setzten einige Staaten Maßnahmen der nachfrageorientierte Wirtschaftspolitik ein. In Deutschland wurde beispielsweise die Abwrackprämie beschlossen. Diese sah vor, dass jeder Staatsbürger pro verschrottetem Fahrzeug eine staatliche Prämie von 2500  € erhält, wenn gleichzeitig ein Neuwagen gekauft wurde. Das Gesetz zielte darauf ab, die Neuwagennachfrage anzufachen und so Tausende gefährdete Jobs in der Automobilbranche und in Zulieferbetrieben zu sichern. Der Erfolg der Prämie ist durchaus umstritten. Insgesamt wurden fünf Milliarden Euro vom deutschen Staat an kaufwillige Bürger vergeben und die Verkaufszahlen im Jahr 2009 schnellten dementsprechend in die Höhe. Viele sehen die Abwrackprämie daher als Rettungsring der angeschlagenen deutschen Autobranche an. Diese Sichtweise vernachlässigt jedoch, dass gleichzeitig der Handel mit Gebrauchtwagen und viele Käufer ihre längst geplanten Autokäufe einfach vorzogen, um noch von der Prämie zu profitieren. Folglich sackten die Neuwagenkäufe 2010 wieder drastisch ab.

Ebenfalls unter dem Eindruck der Finanzkrise beschloss US-Präsident Obama 2009 ein umfassendes Paket nachfrageorientierter Wirtschaftsmaßnahmen. Das Amerikanische Aufschwungs- und Reinvestitionsgesetz (American Recovery and Reinvestment Act) umfasste insgesamt rund 787 Milliarden Dollar und reichte von Steuersenkungen und Infrastrukturausgaben bis hin zu Investitionen ins Bildungswesen und das Stromnetz. Die Gesetzesinitiative sollte dem wirtschaftlichen Abschwung und den steigenden Zahlen an Arbeitslosen entgegenwirken.

Angebotsorientierte und nachfrageorientierte Wirtschaftspolitik

Den Hauptunterschied zwischen angebots- und nachfrageorientierter Wirtschaftspolitik verdeutlicht die unten stehende Grafik. Die Angebotspolitik versucht möglichst das Produktionspotenzial einer Volkswirtschaft zu erhöhen. Sie ist also auf die Produktion von Unternehmen ausgerichtet und soll optimale Bedingungen für Gewinne und Investitionen schaffen. In erster Linie sollen durch die erhöhte Flexibilität und Produktivität der Unternehmen  Wachstums- und Arbeitsmarktprobleme gelöst werden.

Demgegenüber steht die Nachfragepolitik, deren Hauptziel es ist, konjunkturelle Schwankungen des Bruttosozialprodukts auszugleichen. In Rezessionsphasen belebt der Staat mit Hilfe von Investitionsförderung und Ausgabensteigerung die Nachfrage, um so Unternehmen zu stützen und zusätzliche Nachfrage zu erzeugen. Befindet sich die Volkswirtschaft in guter Verfassung, werden Rücklagen gebildet und Kredite zurückgezahlt, um auf kommende Schwächephasen vorbereitet zu sein. Die nachfrageorientierte Politik ist im Vergleich zur Angebotspolitik eher kurzfristig orientiert.

Angebotsorientierte Wirtschaftspolitik, nachfrageorientierte Wirtschaftspolitik
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Angebotsorientierte vs. nachfrageorientierte Wirtschaftspolitik
Zusammenfassung

Ziel: Staatliche Beeinflussung der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage, um Wirtschaftswachstum und hohen Beschäftigungsstand zu erreichen
Maßnahmen: Staatliche Konjunkturprogramme, Steuererleichterungen, Konsumförderung
Kritik: Wirkungsverzögerung, Anstieg der Staatsverschuldung, Verzerrung von Wirtschaftsstrukturen

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