Welche Merkmale sind typisch für den Sturm und Drang? Das zeigen wir dir hier mit vielen Beispielen. Schau dir auch unser ausführliches Video zur Epoche an!
Inhaltsübersicht
Merkmale von Sturm und Drang
Der Sturm und Drang ist eine deutsche Literaturepoche von ca. 1765 bis 1790. Junge Autoren lehnten sich dabei gegen die Ideen der Aufklärung auf. Sie vertraten leidenschaftliche Gefühle und individuelle Freiheit statt starrer Regeln.
Hier siehst du die wichtigsten Merkmale im Überblick:
- Geniegedanke
- tragischer Held
- Feudalismuskritik
- Naturbild: wild, stark & frei
- bildhafte Sprache
- freie Textform
Werfen wir einen genaueren Blick auf die einzelnen Punkte.
Geniegedanke
Der Geniegedanke beschreibt die Vorstellung vom Menschen als schöpferische Persönlichkeit. Diese Persönlichkeit wird auch als Originalgenie bezeichnet. Sie handelt aus sich selbst heraus und folgt keinen äußeren Regeln.
Im Text erkennst du den Geniegedanken daran:
- Starker Ich-Bezug: Das lyrische Ich oder der Protagonist stellt sich selbst ins Zentrum. Es gibt viele Ich-Aussagen und eine betonte Eigenständigkeit.
- Trotziges Verhalten: Der Sprecher widersetzt sich Göttern, Menschen oder Institutionen. Der Ton ist laut, fordernd und oft trotzig.
➡️ Beispiel:
– „Bedecke deinen Himmel, Zeus, / Mit Wolkendunst! / Ich dich ehren? Wofür?“
→ Der Protagonist tritt dem Gott Zeus selbstbewusst und trotzig entgegen und erkennt seine Autorität nicht an.
– „Hier sitz ich, forme Menschen / Nach meinem Bilde“
→ Der Protagonist stellt sich als einen Schöpfer dar.
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Tragischer Held
Der tragische Held ist im Sturm und Drang eine Figur, die kraftvoll gegen die Gesellschaft rebelliert. Dabei scheitert sie am Ende oft heldenhaft.
Das sind die Merkmale des tragischen Helds:
- Rebellion: Die Figur verweigert gesellschaftliche Regeln und Normen. Die persönliche Freiheit steht bei ihr an erster Stelle.
- Konflikt: Es gibt einen unauflösbaren Konflikt zwischen Held und Gesellschaft. Der Held scheint nicht in die Gesellschaft zu passen.
- Heldenhaftes Scheitern: Die Figur scheitert z. B. durch den Tod, weil sie keinen Kompromiss schließen möchte.
➡️ Beispiel:
– „Das Gesetz hat zum Schneckengang verdorben, was Adlerflug geworden wäre. / Stelle mich vor ein Heer Kerls wie ich, und aus Deutschland soll eine Republik werden.“
→ Das lyrische Ich rebelliert gegen gesellschaftliche Gesetze und Regeln, weil sie dessen Freiheitsdrang einschränken.
Feudalismuskritik
In vielen Werken der Epoche wird der Feudalismus (ein Herrschaftssystem) angegriffen. Einfache Bürger litten häufig unter der willkürlichen Herrschaft des Adels, was die Autoren kritisierten.
So erkennst du die Feudalismuskritik im Text:
- Anklage von Machtmissbrauch: Autoritäten wie Adlige, Väter oder Institutionen handeln willkürlich und unterdrücken andere. Der Text zeigt ihre Macht als ungerecht.
- Forderung nach persönlicher Freiheit: Figuren beanspruchen das Recht, selbst über ihr Leben zu entscheiden. Sie stellen sich gegen Hierarchien und fordern Gleichheit.
➡️ Beispiel: „Der Hofmeister“ (1774) von Lenz
– „Man behandelt mich wie einen Bedienten.“
→ Die Figur wird von den Adeligen herabgesetzt und nicht als gleichrangig angesehen.
– „Ich bin nicht mein eigener Herr.“
→ Die fehlende Selbstbestimmung zeigt die ungerechten Hierarchien zwischen Adel und einfachen Bürgern.
Naturbild: wild, stark & frei
Im Sturm und Drang wird die Natur oft wild, stark und frei dargestellt. Häufig spiegelt sie wider, was die Figur fühlt.
In den Werken des Sturm und Drangs zeigt sich das Naturbild so:
- Verehrung der Natur: Der Sprecher spricht ehrfürchtig über die Natur. Sie erscheint göttlich, überwältigend und fast unbegreiflich groß.
- Übereinstimmung von Natur und Gefühlen: Stürme stehen oft für innere Aufgewühltheit und Frühling für Freude oder Liebe.
➡️ Beispiel: „Ganymed“ (1774) von Goethe
– „Wie im Morgenglanze / Du rings mich anglühst, / Frühling, Geliebter!“
→ Der Frühling spiegelt die Freude und Begeisterung des lyrischen Ichs wider.
– „Daß ich dich fassen möcht / In diesen Arm!“
→ Das lyrische Ich empfindet eine so starke Nähe und Liebe zur Natur, dass es sie umarmen möchte.
Bildhafte Sprache
Die Sprache des Sturm und Drangs ist bildhaft, emotional und freier als in den früheren Epochen. Häufig findest du in den Werken auch bürgerliche Sprache oder Jugendsprache.
Die typische Sprache der Epoche kannst du an diesen Merkmalen erkennen:
- Ausrufe und Ellipsen: Sätze brechen ab oder enden in Ausrufen. Das soll zeigen, dass Gefühle schneller sind als die Sprache.
- Übersteigerte Wortwahl: Der Text hat oft eine emotionale Wortwahl und enthält viele Hyperbeln. Dadurch wirkt die Sprache drängend und überwältigend.
- Bürgerliche Sprache: Die Autoren stellen sich gegen die gehobene Sprache und nutzen häufig bürgerliche Ausdrücke oder Jugendsprache.
➡️ Beispiel:
– „Wie herrlich leuchtet / Mir die Natur!“
→ Ausrufe
– „O Erd, o Sonne! / O Glück, o Lust!“
→ Übersteigerte Wortwahl
– „Wie lieb ich dich!“
→ Einfache Sprache
Freie Textform
Viele Autoren des Sturm und Drangs orientierten sich an der Form von Shakespeares Werken. Shakespeare nutzte freie Abfolgen von Szenen und verwendete natürliche Sprache.
So sieht das in den Werken der Stürmer und Dränger aus:
- Freie Szenenfolge: Die Szenen folgen keinem strengen Schema. Sie können unterschiedlich lang sein und ohne feste Übergänge aufeinanderfolgen.
- Natürliche Redeweise: Die Sprache der Figuren wirkt natürlich, spontan und ungefiltert.
➡️ Beispiel: „Urfaust“ (ca. 1772/73) von Goethe
– „Nacht. / In einem hochgewölbten engen gotischen Zimmer.“
→ Die knappe Szenenangabe steht für die lockere Struktur im Drama. Schauplätze und Situationen wechseln oft, ohne einem streng klassischen Aufbau zu folgen.
– „Meine Ruh ist hin, / Mein Herz ist schwer“
→ Natürliche Redeweise
Abgrenzung zu verwandten Epochen
Der Sturm und Drang entwickelte sich aus der Epoche der Empfindsamkeit und war zeitgleich mit der Aufklärung. Deshalb kann es manchmal schwierig sein, die Merkmale der einzelnen Epochen in einem Text zu unterscheiden:
Unterschiede zur Aufklärung
- Aufklärung: Vernunft und Regelpoetik stehen im Mittelpunkt
- Sturm und Drang: Gefühle und das eigene Originalgenie zählen mehr
Unterschiede zur Empfindsamkeit
- Empfindsamkeit: zarte, moralisch rührende Gefühle
- Sturm und Drang: leidenschaftliche, rebellische Gefühle und eine rohe Ausdrucksweise
Die Merkmale im Überblick
Zum Schluss findest du hier noch einen kleinen Überblick über die wichtigsten Merkmale des Sturm und Drangs:
| Merkmal | Beschreibung |
| Geniegedanke |
Mensch als freier Schöpfer |
| Tragischer Held | Tragische Helden werden bewundert → Rebellion, Konflikt & heldenhaftes Scheitern |
| Feudalismuskritik | Kritik am Herrschaftssystem → Anklage von Machtmissbrauch |
| Naturbild: wild, stark & frei | Verehrung der Natur & Übereinstimmung von Natur und Gefühlen |
| Bildhafte Sprache | Bildhafte, emotionale und einfache Sprache → Ausrufe, übersteigerte Wortwahl |
| Freie Textform | Freiheit in der Textform → Freie Szenenfolge |
Tipp: Wie sich die einzelnen Merkmale in den Literaturgattungen (Epik, Lyrik, Dramatik) zeigen, findest du in unserem Beitrag zu Sturm und Drang.
Literaturepochen verstehen
Der Sturm und Drang ist eine Literaturepoche des 18. Jahrhunderts und gehört zu den wichtigsten Epochen im Deutschunterricht. Wer sich mit Literaturepochen beschäftigt, vergleicht Texte, Autoren und typische Merkmale verschiedener Zeiten. So wird klar, wie sich Themen, Sprache und Menschenbilder von Epoche zu Epoche verändern. Im Deutschbereich findest du passende Videos zu diesem und verwandten Themen.