Nicht nur der Inhalt einer Geschichte ist wichtig, sondern auch die Art, wie sie erzählt wird. Im Beitrag siehst du die verschiedenen Erzähltechniken und wie du sie sicher unterscheiden und analysieren kannst.
Inhaltsübersicht
Was ist die Erzähltechnik?
Die Erzähltechnik umfasst verschiedene Methoden, mit denen ein Autor seine Geschichte gestaltet und erzählt. Sie beeinflusst, wie du als Leser eine Geschichte wahrnimmst und erlebst. In einer Analyse der Erzähltechnik untersuchst du drei Bereiche:
- Erzählperspektive: Wer erzählt? Welchen Wissens- und Sichtbereich hat der Erzähler?
- Zeitgestaltung: In welcher Reihenfolge wird erzählt? Wie viel Erzählzeit nimmt ein Ereignis ein?
- Darbietungsformen der Rede: Wie werden Gedanken und Gespräche wiedergegeben?
Welche Gestaltungsmöglichkeiten der Autor in den einzelnen Bereichen hat, erfährst du im Folgenden.
Welche Erzählperspektiven gibt es?
Die Erzählerperspektive oder der Erzählerstandort beschreiben den Wissens- und Sichtbereich des Erzählers. Damit beeinflussen sie auch, welche Informationen mit dem Leser geteilt werden. Du unterscheidest dabei in vier Erzählperspektiven:
Ich-Erzähler: Der Ich-Erzähler
erzählt aus seiner eigenen Sicht. Deswegen kennst du nur seine Gedanken und Gefühle.
🎯Wirkung: Du erlebst das Geschehen nah und unmittelbar mit. Gleichzeitig ist alles subjektiv gefärbt, also einseitig und persönlich.
➡️„Ich traute meinen Augen kaum, als ich die Tür öffnete.“
Personaler Erzähler: Der personale Erzähler
berichtet in der Er-/Sie-Form und begleitet nur eine Figur. Du kennst ebenso nur ihre Gedanken und Gefühle. Der Erzähler selbst bleibt jedoch neutral und bewertet das Geschehen nicht.
🎯Wirkung: Du, als Leser, kommst der einen Figur sehr nah. Dein Blick ist genauso eingeschränkt wie ihrer.
➡️„Sie wusste nicht, was er dachte, als er das Zimmer verließ.“
Auktorialer Erzähler: Der auktorialen Erzähler
steht über der Geschichte. Er kennt Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Er kann zwischen verschiedenen Figuren und Orten wechseln und kommentiert oder bewertet das Geschehen.
🎯Wirkung: Der Erzähler lenkt deine Lesart aktiv. Du siehst das Geschehen durch seinen Blick und übernimmst dabei unbewusst seine Einordnung.
➡️„Was die beiden nicht ahnen konnten, war, dass ihre Entscheidung alles verändern würde.“
Neutraler Erzähler: Der neutrale Erzähler
berichtet nur, was von außen zu sehen ist. Gedanken und Gefühle der Figuren erfährst du nicht.
🎯 Wirkung: Das Geschehen wirkt sachlich und objektiv. Als Leser musst du die Figuren und ihre Gefühle selbst deuten.
➡️„Anna öffnete die Tür. Sie trat ins Zimmer und setzte sich schweigend an den Tisch.“
Häufig begegnet dir zusammen mit der Erzählperspektive auch der Begriff der Erzählform. Pass auf, dass du die beiden Wörter nicht verwechselst. Denn bei der Erzählform geht es lediglich um die grammatikalische Person, die der Autor als Erzähler wählt. Dabei unterscheidest du in zwei Formen:
- Ich-Erzählform
- Er-/Sie-Erzählform
Die Ich-Erzählform wird nur vom Ich-Erzähler verwendet. Die Er-/Sie-Erzählform kommt dagegen beim personalen, auktorialen und neutralen Erzähler vor.
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Was ist die Zeitgestaltung in einem Text?
Neben der Perspektive schaust du dir in der Analyse auch die Zeitfolge und das Zeitverhältnis an. Dabei geht es um zwei einfache Fragen:
⏱️Zeitfolge: Erzählt der Text das Geschehen linear, also in der Reihenfolge, in der es passiert ist, oder nicht-linear, z. B. mit Rückblenden oder Vorausdeutungen?
⏳Zeitverhältnis: Wie viel Zeit lässt sich der Erzähler für einzelne Ereignisse?
Welche verschiedenen Zeitfolgen gibt es?
Insgesamt gibt es drei Grundmöglichkeiten, wie der Erzähler das Geschehen in Geschichten schildern kann:
Chronologisches Erzählen: Die Ereignisse folgen in der Reihenfolge aufeinander, in der sie tatsächlich stattgefunden haben. Es gibt keine Sprünge in die Vergangenheit oder Zukunft.
Rückblende (Analepse): Der Text springt in eine Zeit zurück, die vor dem aktuellen Erzählmoment liegt. Oft erkennst du das im Text am Plusquamperfekt.
➡️„Damals, als sie noch Kinder gewesen waren, hatten sie sich geschworen, nie zurückzukehren.“
Vorausdeutung (Prolepse): Der Text greift einer Zeit vor, die noch nicht eingetreten ist. So entsteht ein Ausblick auf Kommendes.
➡️„Was er in diesem Moment nicht wissen konnte: Es würde nicht gut ausgehen.“
Welche verschiedenen Zeitverhältnisse gibt es?
Neben der Zeitfolge analysierst du auch das Zeitverhältnis. Dabei vergleichst du die Erzählzeit mit der erzählten Zeit:
- Erzählzeit: Wie viel Text und damit Lesezeit verwendet der Autor für ein Ereignis?
- Erzählte Zeit: Wie lang dauert dieses Ereignis innerhalb der Geschichte tatsächlich?
Aus diesem Verhältnis ergeben sich drei Möglichkeiten:
| Verhältnis | Bezeichnung | Beispiele |
| Erzählzeit ≈ erzählte Zeit | Zeitdeckung | „‚Kommst du morgen?‘, fragte sie. Er zögerte kurz. ‚Ich weiß es noch nicht‘, sagte er schließlich.“ |
| Erzählzeit > erzählte Zeit | Zeitdehnung | „Tung greift nach der Türklinke. Sein Herz klopft. Langsam drückt er die Klinke herunter. Er holt tief Luft und öffnet vorsichtig die Tür.“ |
| Erzählzeit < erzählte Zeit | Zeitraffung | „In den folgenden drei Jahren zog er zweimal um, wechselte den Beruf und verlor den Kontakt zu den meisten alten Freunden.“ |
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Wie erkennst du die Darbietungsformen der Rede?
Mit den verschiedenen Darbietungsformen analysierst du, wie der Text Gedanken, Gespräche und Figurenrede wiedergibt:
- Erzählbericht: Der Erzähler fasst Handlungen und Ereignisse zusammen. Dabei gibt es keinen Dialog und keine Inneneinsicht, sondern eine reine Beschreibung von außen.
- Direkte Rede: Die Worte einer Figur werden wörtlich wiedergegeben. Du erkennst die direkte Rede an Anführungszeichen und einleitenden Verben, wie „sagte“.
- Indirekte Rede: Der Erzähler gibt wieder, was jemand gesagt hat. Das erkennst du häufig am Konjunktiv I.
- Erlebte Rede: Gedanken und Gefühle einer Figur werden in der dritten Person wiedergegeben.
- Innerer Monolog: Eine Figur denkt laut und unkommentiert.
- Bewusstseinsstrom: Der ungeordnete Gedankenfluss einer Figur wird direkt abgebildet. Das erkennst du an sprunghaft wirkenden Gedanken und einer unklaren Satzstruktur.
➡️Beispiele:
- „Er hätte es wissen müssen. Natürlich würde sie nicht kommen.“ → erlebte Rede
- „Warum tue ich das eigentlich? Es ergibt keinen Sinn.“→ innerer Monolog
Wichtig: Darbietungsformen sind keine Stilmittel. Mische diese beiden Ebenen in deiner Analyse nicht.
Wie gehst du bei der Erzähltechnik-Analyse vor?
Mit den folgenden fünf Schritten gehst du bei jeder Erzähltechnik-Analyse sicher vor:
Schritt 1: Erzählform feststellen: Prüfe, ob der Text in der Ich-Form oder der Er-/Sie-Form geschrieben ist. Belege das mit einem kurzen Zitat.
Schritt 2: Perspektive bestimmen: Stelle dir dafür zwei Entscheidungsfragen:
1. Gibt es einen Einblick in die Gefühle und Gedanken der Figur?
2. Gibt es wertende Kommentare?
| Erzählperspektive | Frage 1 (Einblick?) | Frage 2 (Wertung?) |
| Ich-/personaler Erzähler | ✓ Ja, meist in eine Figur | ✗ Nein |
| Auktorialer Erzähler | ✓ Ja, oft in mehrere Figuren | ✓ Ja |
| Neutraler Erzähler | ✗ Nein | ✗ Nein |
Schritt 3: Zeitgestaltung analysieren: Bestimme zuerst die Zeitfolge: Ist der Text chronologisch aufgebaut oder enthält er Rückblenden oder Vorausdeutungen? Bestimme dann das Zeitverhältnis: Handelt es sich um Zeitdeckung, Zeitdehnung oder Zeitraffung?
Schritt 4: Darbietungsform(en) identifizieren: Prüfe, wie Gedanken und Gespräche wiedergegeben werden und belege mit einem Satz und einem kurzen Textzitat.
Schritt 5: Wirkung formulieren: Erkläre in zwei Sätzen, welche Wirkung die Erzähltechnik erzeugt. Diese Formulierungshilfen helfen dir bei der Analyse der Wirkung:
- „Der … Erzähler erzeugt Nähe zum Leser, indem er …“
- „Durch die Bindung an die Figur wirkt die Darstellung besonders …, da …“
- „Die Rückblende / Vorausdeutung erzeugt Spannung, weil …“
- „Die Zeitraffung / Zeitdehnung lenkt den Fokus auf …, da …“
Erzähltexte verstehen
Erzähltechnik gehört zu Erzähltexten und prägt, wie eine Geschichte wirkt. Du ordnest in diesem Themenfeld Erzähler, Perspektive, Zeit und Redeformen in Texten ein. So erkennst du, wie ein Text Nähe oder Distanz schafft und wie er das Geschehen lenkt. Im Deutschbereich findest du passende Videos zu diesem und verwandten Themen.