Was sind die Entwicklungsaufgaben nach Hurrelmann und wie erkennst du sie? Wir zeigen dir hier die vier Aufgaben und wie du sie erkennst.
Inhaltsübersicht
Was sind die 4 Entwicklungsaufgaben?
Im Jugendalter stehen junge Menschen vor bestimmten psychischen und sozialen Anforderungen. Wer diese Anforderungen erfolgreich bewältigt, entwickelt eine stabile Identität und wächst in die Rolle eines Erwachsenen hinein. Klaus Hurrelmann nennt diese Anforderungen Entwicklungsaufgaben.
Er unterscheidet vier Entwicklungsaufgaben:
🛠️ Qualifizieren — Intellektuelle und soziale Kompetenzen aufbauen und wirtschaftlich unabhängig werden
🧑🤝🧑 Binden — Eigene Körper- und Geschlechtsrolle entwickeln und tragfähige intime Beziehungen aufbauen
🛍️ Konsumieren — Verantwortungsvoll mit Konsum, Medien und Freizeit umgehen und Wege zur Entlastung finden
💬 Partizipieren — Ein eigenes Werte- und Normensystem entwickeln und gesellschaftlich sowie politisch teilhaben
Die vier Entwicklungsaufgaben zeigen WAS Jugendliche bewältigen müssen. WIE das tun, beschreibt Hurrelmann in seinen 10 Maximen. Dabei zeigt er, dass die Persönlichkeitsentwicklung durch individuelle Anlagen und die soziale Umwelt beeinflusst wird.
Außerdem beschreibt Hurrelmann, dass Jugendliche die Entwicklungsaufgaben aktiv durch eigenes Handeln bewältigen müssen. Gelingt das nicht, entstehen Risikoverläufe, die er in drei Muster einteilt — externalisierend, internalisierend und evadierend.
Entwicklungsaufgabe 1: Qualifizieren
Das Ziel der ersten Entwicklungsaufgabe ist es, beruflich tätig und wirtschaftlich unabhängig zu werden. So soll eine eigenständige Existenz aufgebaut werden.
Um diese Aufgabe zu bewältigen, müssen Jugendliche soziale und intellektuelle Kompetenzen erlangen. Zum Beispiel indem sie wichtige Prüfungen bestehen oder handwerkliche Fähigkeiten erlernen.
Bei dieser Aufgabe stehen also schulische oder berufliche Leistungen und Weiterentwicklungen im Mittelpunkt.
|
➡️Beispiel: Lena (16) erreicht die 1. Entwicklungsaufgabe „Qualifizieren“ indem sie sich intensiv auf ihre Abschlussprüfungen vorbereitet. Sie möchte danach eine Ausbildung zur Industriekauffrau beginnen und schreibt bereits erste Bewerbungen. |
Studyflix vernetzt: Hier ein Video aus einem anderen Bereich
Entwicklungsaufgabe 2: Binden
Die zweite Entwicklungsaufgabe hat langfristig das Ziel der Familiengründung. Die Jugendlichen müssen sich daher mit dem eigenen Körper, ihrer (Geschlechts-)Identität und Sexualität auseinander setzen.
Teil davon ist es, sich von seiner Herkunftsfamilie abzulösen und enge Freundschaften und intime Partnerschaften mit anderen Menschen aufzubauen.
|
➡️Beispiel: Tim (18) zieht für sein Studium in eine andere Stadt. Zum ersten Mal lebt er ohne seine Eltern. Er merkt, dass es gar nicht so leicht ist, für sich selbst zu sorgen und gleichzeitig neue Menschen an sich heranzulassen. Er muss sich jetzt also der 2. Entwicklungsaufgabe „Binden“ stellen. |
Entwicklungsaufgabe 3: Konsumieren
Das Ziel der dritten Entwicklungsaufgabe ist es einen eigenen Lebensstil zu entwickeln. Dabei lernen die Jugendlichen Konsumangebote nach ihren Bedürfnissen zu nutzen.
Es geht darum, wie sie ihre Freizeit gestalten, mit Medien umgehen und Wege finden, sich zu erholen und Stress abzubauen. Dabei ist oft auch der Umgang mit Alkohol, Zigaretten oder anderen Suchtmitteln ein Thema.
|
➡️Beispiel: Sophie (17) verbringt ihre Wochenenden fast ausschließlich vor dem Bildschirm. Zuletzt bemerkt sie, dass sie kaum noch schläft und sich sozial zurückzieht. Sie fragt sich, ob ihre Mediennutzung noch gesund ist. Damit beginnt ihre aktive Auseinandersetzung mit der 3. Entwicklungsaufgabe „Konsumieren“. |
Entwicklungsaufgabe 4: Partizipieren
Das Ziel beim Partizipieren ist es, seine gesellschaftliche Rolle zu finden und einzunehmen. Es geht darum, dass Jugendliche eigene Werte und Normen entwickeln und Verantwortung übernehmen.
Dafür beteiligen sie sich z. B. in Vereinen oder treten politischen Organisationen bei.
|
➡️Beispiel: Noah (19) beginnt sich für Klimaschutz zu interessieren. Er nimmt an einer lokalen Initiative teil und fragt sich, welche Werte ihm persönlich wichtig sind. Die Diskussionen mit Anderen helfen ihm dabei, seinen eigenen Standpunkt zu schärfen. Noah ist also auf einem sehr guten Weg die 4. Entwicklungsaufgabe „Partizipieren“ zu bewältigen. |
Risikowege nach Hurrelmann
Manchmal gelingt eine Entwicklungsaufgabe nicht. Das zeigt sich dann im Verhalten des Jugendlichen. Hurrelmann unterscheidet drei typische Risikowege. Die beschreiben, wie Jugendliche auf Überforderung reagieren:
| Risikoweg | Definition | Verhaltensweisen |
| Externalisierend | Die Person richtet ihre Reaktion nach außen. | Aggression, Regelbrüche, Konfrontation mit anderen |
| Internalisierend | Die Person richtet ihre Reaktion nach innen. | Rückzug, Ängstlichkeit, depressive Stimmung |
| Evadierend | Die Person weicht der Anforderung aus. | Suchtverhalten, exzessive Mediennutzung, Vermeidung |
Die richtige Einordnung ist wichtig, um dem Jugendlichen bei der Überwindung zu unterstützen.
Wichtig: In der Praxis kommen auch Mischformen vor. Dann ist der dominante Verarbeitungsstil für die passende Unterstützung ausschlaggebend.
Was ist der externalisierende Risikoweg?
Beim externalisierenden Risikoweg richtet ein Jugendlicher seine Überforderung nach außen. Er reagiert mit Konfrontation.
Typische Merkmale dieses Risikowegs sind:
- Impulsivität: Der Jugendliche handelt ohne Nachdenken und reagiert schnell und heftig.
- Aggression: Der Jugendliche geht verbale oder körperliche Auseinandersetzungen mit anderen Personen ein.
- Regel- und Normverletzung: Der Jugendliche bricht bewusst Schulregeln, Gesetze oder soziale Normen.
- Delinquenz: Im extremen Fall kommt es zu strafbaren Handlungen wie Diebstahl oder Vandalismus.
|
➡️Beispiel: Kevin (16) fühlt sich in der Schule unter Druck. Er reagiert darauf mit häufigen Wutausbrüchen im Unterricht, beleidigt Lehrkräfte und gerät auf dem Schulhof immer wieder in Schlägereien. |
Was ist der internalisierende Risikoweg?
Beim internalisierenden Risikoweg passiert genau das Gegenteil: Die Person wendet sich nach innen und reagiert mit sozialer Isolation.
Typische Merkmale des internalisierenden Risikowegs sind:
- Sozialer Rückzug: Der Jugendliche meidet Kontakte und zieht sich aus Freundschaften oder der Familie zurück.
- Ängstlichkeit: Alltägliche Situationen lösen übermäßige Angst oder Anspannung aus.
- Selbstabwertung: Der Jugendliche macht sich selbst für Misserfolge verantwortlich und zweifelt stark an sich.
- Depressive Stimmung: Antriebslosigkeit, Freudlosigkeit und Hoffnungslosigkeit prägen den Alltag.
- Psychosomatische Beschwerden: Körperliche Symptome wie Kopf- oder Bauchschmerzen entstehen ohne eindeutige körperliche Ursache.
|
➡️Beispiel: Lukas (15) hat bei einem Schulprojekt versagt. Seitdem glaubt er, grundsätzlich nichts zu können. Er spricht kaum noch mit Freunden und verbringt die meiste Zeit allein in seinem Zimmer. |
Was ist die evadierende Problemverarbeitung?
Jugendliche mir einer evadierenden Problemverarbeitung versuchen der Anforderung auszuweichen.
Typische Merkmale des evadierenden Risikowegs sind:
- Instabilität von Bindungen: Der Jugendliche möchte Beziehungen nicht vertiefen, sondern bricht sie ab, sobald sie verbindlicher werden.
- Vermeidung von Leistungsanforderungen: Der Jugendliche zieht sich aus Schule, Ausbildung oder anderen Pflichten zurück, ohne offen zu rebellieren.
- Suchtgefährdetes Verhalten: Der Jugendliche nutzt Alkohol, Drogen oder andere Substanzen, um Anforderungen zu entfliehen.
- Exzessive Mediennutzung: Übermäßiges Spielen, Surfen oder Streamen dienen als dauerhafter Rückzugsraum vor dem Alltag.
|
➡️Beispiel: Alina (18) bricht immer wieder Freundschaften ab, sobald es enger wird. Auch eine Ausbildung hat sie bereits zweimal abgebrochen. Sie zieht es vor, mit wechselnden Bekanntschaften auszugehen und trinkt dort regelmäßig, um locker zu werden. |
Entwicklungspsychologie
Du kennst jetzt die vier Entwicklungsaufgaben bei Jugendlichen und die drei Risikowege. Doch Menschen durchlaufen in jeder Lebensphase wichtige Entwicklungen. Welche Entwicklungen das sind und wie das erforscht wird erfährst du in unserem Beitrag zu Entwicklungspsychologie!