Heimsuchung ist seit 2026 Pflichtlektüre fürs Abitur. Damit du perfekt vorbereitet bist, findest du hier eine Zusammenfassung der Handlung und die wichtigsten Interpretationsansätze!
Inhaltsübersicht
Heimsuchung — Zusammenfassung der Handlung
„Heimsuchung“ ist ein Roman von Jenny Erpenbeck aus dem Jahr 2008. Die Handlung spielt an einem Grundstück am Scharmützelsee in Brandenburg. Im Mittelpunkt steht dabei das Grundstück selbst — und die zwölf Menschen, die dort über einen Zeitraum von hundert Jahren leben und irgendwann wieder gehen müssen.
Ein Bauer verkauft das Land in den 1930er-Jahren an drei Käufer: einen jüdischen Fabrikanten, einen Kaffee- und Teeimporteur und einen Berliner Architekten. Danach ziehen immer neue Bewohner ein, etwa verfolgte Juden, ein Ehepaar aus der DDR und eine geflüchtete Familie. Jede Figur erlebt dabei eine andere Epoche der deutschen Geschichte, von der NS-Zeit über den Krieg bis zur DDR und zur Wende. Nur der geheimnisvolle Gärtner bleibt die ganze Zeit über am Ort. Am Ende muss das Haus abgerissen werden, sodass das Grundstück leer zurückbleibt.
Im Mittelpunkt des Romans stehen die Themen Heimat und Heimatverlust vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte. Erpenbeck zeigt damit, wie der Traum vom sicheren, dauerhaften Zuhause immer wieder vom Leben eingeholt und zerstört wird.
- Autorin: Jenny Erpenbeck
- Veröffentlichung: 2008
- Gattung: Roman
- Epoche: Gegenwartsliteratur
- Aufbau: ein Prolog, elf Erzählkapitel zu je einer Figur, dazwischen immer wieder kurze Kapitel über den Gärtner, ein Epilog
- Hauptfiguren: der Gärtner, der Großbauer Wurrach mit seinen vier Töchtern, der Architekt und seine Frau, der Rotarmist, der Tuchfabrikant, das Mädchen Doris, die Schriftstellerin, die Besucherin, die Unterpächter, der Kinderfreund, die unberechtigte Eigenbesitzerin
- Zentrale Themen: Heimat und Heimatverlust, Besitz und Vertreibung, deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts, Erinnerung und Vergänglichkeit
Heimsuchung — Zusammenfassung der Kapitel
Der Roman „Heimsuchung“ besteht aus einem einleitenden Kapitel (Prolog), elf großen Erzählkapiteln und einem Schlusskapitel (Epilog). Jedes Erzählkapitel trägt als Überschrift den Namen einer Figur oder Personengruppe, zum Beispiel „Der Großbauer und seine vier Töchter“ oder „Der Architekt“. Jede Figur erlebt einen anderen Abschnitt der deutschen Geschichte. Zwischen diesen Erzählkapiteln ist immer wieder ein kurzes Kapitel mit demselben Titel „Der Gärtner“ eingeschoben. So entstehen insgesamt 24 Kapitel.
Die Handlung spielt fast durchgehend auf einem Grundstück am Scharmützelsee in Brandenburg. Zwischendurch gibt es einzelne Rückblenden nach Berlin, Guben, Kapstadt / Südafrika und Warschau.
Was in den einzelnen Kapiteln passiert, siehst du in den folgenden Abschnitten.
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Prolog
| – Ort: die Seenlandschaft der Mark Brandenburg – Figuren: keine (nur Naturbeschreibung) – Zeitraum: von der letzten Eiszeit (vor ca. 24.000 Jahren) bis zur Gegenwart |
Im Prolog wird erzählt, wie sich in der Eiszeit vor mehr als 24.000 Jahren Gletscher über das Land schoben. Sie formen dabei Rinnen und Täler in den Boden. Jahrtausende später wird es wärmer und das Eis schmilzt. Aus dem Schmelzwasser entstehen viele Seen — unter anderem der Scharmützelsee in der märkischen Landschaft. Rund um den See siedeln sich über Jahrhunderte hinweg Pflanzen an und es entsteht ein dichter Wald.
Slawische Stämme und später deutsche Siedler erreichen das Gebiet. Sie fällen die Bäume im Wald, um Häuser zu bauen und Felder anzulegen. Die Siedler errichten eine Kirche, bauen Häuser und legen Wege an. Generationen von Bauern bewirtschaften nun den Boden, sterben und werden auf dem Dorffriedhof begraben.
Der Prolog endet mit einem Blick in die Zukunft: Es wird beschrieben, dass auch dieser tiefe See biologisch altert. Er wird über Jahrtausende hinweg durch Pflanzenreste und Schlamm immer flacher werden, bis er irgendwann völlig verschwunden ist. Der Text vergleicht das mit der Sahara — einer Wüste, in der es vor langer Zeit ebenfalls große Wassermassen gab.
Kapitel 1: Der Gärtner (1)
| – Ort: ein Dorf in der Nähe des Scharmützelsees, angrenzender Wald – Figuren: der Gärtner – Zeitraum: Anfang des 20. Jahrhunderts, vor 1936 |
Niemand im Dorf weiß, woher der Gärtner kommt. Im Wechsel der Jahreszeiten hilft er den Bauern und Dorfleuten bei verschiedenen Gartenarbeiten. Besonders geschickt ist er im Pflegen von Obstbäumen, sodass sie viele Früchte tragen. Außerdem macht er sumpfige Flächen am See nutzbar, repariert Geräte und schlägt im Winter Holz.
Der Gärtner wohnt allein in einer verlassenen Jagdhütte am Rande des Waldes und besitzt selbst weder Grund- noch Waldstück. Seinen echten Namen kennt niemand. Alle nennen ihn nur „der Gärtner“.
Kapitel 2: Der Großbauer und seine vier Töchter
| – Ort: Wurrachs Bauernhof „Klotthofstelle“, das Dorf am Scharmützelsee und seine Umgebung – Figuren: der Großbauer (Schulze) Wurrach und seine vier Töchter Grete, Hedwig, Emma und Klara – Zeitraum: Ende des 19. Jahrhunderts bis etwa 1930 |
Der Großbauer Wurrach stammt aus einer Familie, die seit 1650 das Amt des Dorfschulzen (vergleichbar mit einem Bürgermeister) ausübt. Damals hat ein König seinen Vorfahren den Hof, die „Klotthofstelle“, als Lehen gegeben. Ein Lehen war damals ein geliehenes Gut (z. B. Land, ein Amt oder Rechte) im Gegenzug für bestimmte Dienste (z. B. im Heer kämpfen).
Wurrach ist ein wohlhabender und einflussreicher Mann im Dorf. Seine Frau stirbt bei der Geburt der jüngsten Tochter Klara, sodass er seine vier Töchter allein großzieht. Das Kapitel erzählt zuerst ausführlich von den damaligen Hochzeitsbräuchen und dem Aberglauben im Dorf. Jeden Sonntag fährt Wurrach mit seinen Töchtern zum Gottesdienst und hält dabei am Schäferberg, den alle im Dorf nur „Klaras Wald“ nennen, weil dieser Wald Klaras Erbteil ist.
Keine der vier Töchter heiratet: Der Bauernsohn, den Grete heiraten soll, wird kurz vor der Hochzeit nicht zum Erben des elterlichen Hofes bestimmt. Deshalb wandert er 1892 nach Australien aus. Grete bekommt von ihm noch einen Brief, danach hört sie aber nie wieder etwas von ihm.
Hedwig hat eine Beziehung mit einem Hofarbeiter. Als der Vater davon erfährt, jagt er ihn weg und sperrt Hedwig tagelang ein, wodurch sie ihr Kind verliert. Emma ist sehr fleißig und hilft ihrem Vater auf dem Hof. Sie arbeitet so hart, als wäre sie selbst ein Mann. Von einer Heirat ist bei ihr nie die Rede.
Klara beginnt eine Affäre mit einem unbekannten Fischer. Als der Vater davon erfährt, verbietet er ihr, das Haus zu verlassen. Danach verhält sich Klara immer seltsamer. Der Vater enterbt sie daraufhin und teilt ihr Erbteil, den Wald am See, in drei Teile auf. Diese verkauft er 1931 an einen jüdischen Tuchfabrikanten, einen Kaffee- und Teeimporteur und einen Berliner Architekten. Völlig verwirrt geht Klara schließlich im Winter in den See und ertrinkt. Der alte Wurrach setzt sich trotzdem dafür ein, dass der Pfarrer ihr ein christliches Begräbnis gewährt. Am Ende des Kapitels werden die Trauerbräuche im Dorf beschrieben.
✏️ Tipp für die Analyse: Der Großbauer symbolisiert die alte, konservative Ordnung, während die individuellen Lebenswege seiner Töchter den Wandel und die Suche nach moderner Identität repräsentieren. Mit dem Verkauf von Klaras Grundstück beginnt die Geschichte des Hauses am See. Das Kapitel führt somit quasi das Hauptthema des Romans ein: die ständigen historischen und gesellschaftlichen Umbrüche (Heimsuchungen), die es den Menschen unmöglich machen, Heimat dauerhaft festzuhalten.
Kapitel 3: Der Gärtner (2)
| – Ort: das Grundstück des Architekten am Scharmützelsee – Figuren: der Gärtner, der Dachdecker, der Berliner Architekt, der Gartenarchitekt (dessen Vetter) – Zeitraum: 1936 und die folgenden paar Jahre |
Als am Ufer des Scharmützelsees die ersten Häuser gebaut werden, hilft der Gärtner bei den Schilfarbeiten. Der Dachdecker ist von seinem Können beeindruckt. Der Gärtner selbst bleibt aber wortkarg und interessiert sich kaum für das, was um ihn herum passiert. Selbst am 19. Juni 1936, als der deutsche Boxer Max Schmeling den Amerikaner Joe Louis besiegt, lässt ihn das kalt — obwohl er zur gleichen Zeit im Haus von Schmeling arbeitet, das ebenfalls im Dorf steht.
Der Gärtner lädt nie jemanden zu sich nach Hause ein. Das sorgt im Dorf für unterschiedliche Reaktionen. Manche begegnen ihm mit Respekt, andere mit Misstrauen. Einige Dorfbewohner finden ihn unheimlich — andere glauben, er würde lieber mit Pflanzen sprechen als mit Menschen. Manche vermuten sogar, er verberge ein Geheimnis, andere halten ihn einfach für einfältig.
Nachdem der Gärtner dem Dachdecker beim Befestigen des Strohdachs am Haus des Berliner Architekten geholfen hat, stellt ihn der Architekt fest an. Der Gärtner erhält den Auftrag, den bisherigen Wald in einen Garten umzuwandeln. Von da an arbeitet er jeden Tag zusammen mit dem Gartenarchitekten, dem Vetter des Architekten. Er fällt alte Bäume und pflanzt neue Bäume, Büsche und Blumen, so wie es ihm die beiden vorgeben.
✏️ Tipp für die Analyse: Das Kapitel verdeutlicht, dass der Gärtner die zeitlose Konstante des Romans ist. Er zeigt keinerlei Interesse an den politischen und weltweiten Geschehnissen im Dorf. Stattdessen richtet er seine volle Aufmerksamkeit auf die Natur und die anstehenden Arbeiten im Wechsel der Jahreszeiten.
Kapitel 4: Der Architekt
| – Ort: das Haus am See – Figuren: der Architekt – Zeitraum: 1951, mit Rückblenden auf den Ersten Weltkrieg und die NS-Zeit |
Der Architekt muss aus der DDR nach West-Berlin fliehen. Er hat nämlich illegal im Westen eine Tonne Messingschrauben gekauft, die er für „den wichtigsten Bau seines Lebens“ in Ost-Berlin braucht und ihm droht deswegen die Verhaftung. In zwei Stunden will er in der S-Bahn nach West-Berlin sitzen. Bevor er geht, vergräbt er Wertgegenstände im Garten und bereitet das Haus für eine längere Abwesenheit vor, ohne zu wissen, ob er jemals zurückkehren wird.
Ein letztes Mal geht er durch sein Haus und betrachtet die vielen Details, die er selbst entworfen hat. Dabei erinnert er sich an seine Zeit als Soldat im Ersten Weltkrieg, als er bei der Besetzung Frankreichs nur knapp dem Tod entkam. Im Zweiten Weltkrieg leitete er sein Architekturbüro in Berlin weiter und wurde Mitglied der Reichskulturkammer. Er stand dadurch in Kontakt mit Reichsminister Albert Speer, der als bevorzugter Architekt Hitlers die Bauten im Nationalsozialismus prägte. Weil eine seiner Arbeiten von Speer abgelehnt wurde, durfte er nach dem Krieg unter den Kommunisten zunächst weiterarbeiten.
Er denkt darüber nach, wie er durch den Hausbau immer wieder versucht hat, sich eine Heimat zu schaffen und sein Geld „in etwas Wirkliches“ zu verwandeln – etwa durch den Bau seines Ferienhauses und den günstigen Kauf des Nachbargrundstücks mit „Steg und Badehäuschen“. Für dieses Grundstück hatte er der jüdischen Familie des Tuchfabrikanten nur die Hälfte des eigentlichen Werts bezahlt. Die Familie wollte mit dem Geld ihre Flucht aus Nazi-Deutschland finanzieren, was am Ende jedoch schiefging. Ein schlechtes Gewissen hat der Architekt deswegen nicht – im Gegenteil. Er glaubt, den Juden damals geholfen zu haben und bemitleidet stattdessen sich selbst, weil er nun aus dem neuen Staat (DDR) fliehen muss.
Zum Schluss betritt er noch einmal sein Badehaus am Seeufer. An der Wand hängt dort immer noch das grüne Frotteehandtuch, das der frühere jüdische Besitzer bei seinem Abschied zurückgelassen hat.
✏️ Tipp für die Analyse: Der Architekt sieht Heimat als etwas, das man aktiv erschaffen muss. Sein Haus wird für ihn zur „dritten Haut“. Er plant und baut es mit viel Liebe zum Detail.
Kapitel 5: Der Gärtner (3)
| – Ort: das Grundstück am See – Figuren: der Gärtner – Zeitraum: 1938 |
Der Gärtner legt ein neues Blumenbeet an. Gleichzeitig kämpft er gegen den Kartoffelkäfer, der sich von Westen her immer weiter ausbreitet und langsam näher rückt.
✏️ Tipp für die Analyse: Die Bekämpfung der gefräßigen Schädlinge durch den Gärtner spiegelt den ewigen Kampf des Menschen wider, Ordnung in der Natur zu bewahren.
Kapitel 6: Der Tuchfabrikant
| – Ort: das Grundstück der Familie am See, außerdem Kapstadt in Südafrika – Figuren: der Tuchfabrikant Ludwig, seine Eltern Arthur und Hermine, seine Frau Anna, seine Schwester Elisabeth mit Ehemann Ernst und Tochter Doris – Zeitraum: 1933, Weihnachten 1937 sowie 1939/1940 |
Der Architekt baut bereits fleißig an seinem Haus auf dem linken Grundstück am See und auch auf dem rechten Grundstück des Importeurs haben die Bauarbeiten schon begonnen. Die Familie des jüdischen Tuchfabrikanten verbringt zu dieser Zeit bereits Urlaubstage auf dem mittleren Grundstück und plant dort den Bau eines eigenen Badehauses.
Das Kapitel erzählt dann die Geschichte der jüdischen Familie des Tuchfabrikanten auf drei verschiedenen Zeitebenen, die abwechselnd erzählt werden.
- Die 1. Ebene spielt 1933, kurz nach der Machtergreifung der Nazis. Die Familie verbringt Urlaubstage auf ihrem Grundstück am See, das der Großvater Arthur als Erbe für seinen Sohn Ludwig vorgesehen hat. Der Architekt grüßt von seiner Baustelle die Familie mit dem Hitler-Gruß. Zusammen mit seinem Sohn und seiner kleinen Enkelin Doris pflanzt Arthur an diesem Tag eine Weide am Seeufer.
- Die 2. Ebene spielt Weihnachten 1937 im sommerlichen Kapstadt. Der Tuchfabrikant Ludwig ist bereits im März 1936 mit seiner Frau Anna vor den Nazis nach Südafrika geflohen. Dort betreibt er jetzt eine Autowerkstatt. Gleichzeitig fühlt er sich entwurzelt und vermisst sein altes Leben. Zu Weihnachten besuchen ihn seine Eltern Arthur und Hermine für zwei Wochen. Sie genießen das schöne Wetter und die Landschaft am Meer. Trotz der wachsenden Gefahr für Juden in Deutschland wollen sie bald wieder zurück nach Guben.
- Die 3. Ebene spielt 1939 in Deutschland und zeigt, wie diese Entscheidung der Großeltern zum Verhängnis wird. Um ihre Flucht nach Südafrika zu bezahlen, verkaufen sie ihr Grundstück am See weit unter Wert an den Architekten. Die Überweisung des Geldes für ihre Ausreise scheitert jedoch, sodass sie nicht ausreisen können. Statt also in Südafrika ihren neugeborenen Enkel Elliot und die erwartete Enkelin Elisabeth kennenzulernen, werden sie 1940 zu einer Sammelstelle für die Deportation von Juden nach Berlin gebracht und dann in einem Gaswagen ermordet. Ihr gesamter Besitz fällt an das Deutsche Reich. Auch ihr Schwiegersohn Ernst stirbt bei der Zwangsarbeit am Bau der Autobahn. Seine Frau Elisabeth versucht daraufhin noch zu fliehen, nachdem ihre Tochter Doris zunächst bei einer Tante in Berlin untergekommen ist.
✏️ Tipp für die Analyse: Für Ludwig ist Heimat anfangs ein materiell gesicherter Ort (sein florierendes Leben als Tuchfabrikant in Guben und das Sommerhaus). Im südafrikanischen Exil wird Heimat zur schmerzhaften Erinnerung an einen unerreichbaren Traum. Die sprunghafte Erzählweise spiegelt dabei wider, wie ein Trauma funktioniert: Die brüchigen Erinnerungen an Deutschland prallen auf die fremde Realität in Südafrika.
Kapitel 7: Der Gärtner (4)
| – Ort: das neu hinzugewonnene Nachbargrundstück am See – Figuren: der Gärtner – Zeitraum: nach 1939 |
Nachdem der Architekt das Nachbargrundstück der jüdischen Familie gekauft hat, beginnt der Gärtner in seinem Auftrag mit Rodungsarbeiten. Anschließend pflanzt er dort Obstbäume.
Kapitel 8: Die Frau des Architekten
| – Ort: das Haus am See – Figuren: die Frau des Architekten, der Architekt, Freunde, ein russischer Major – Zeitraum: 1932 bis 1951 |
Bevor der Architekt nach West-Berlin fliehen muss, sitzen er, seine Frau und seine Freunde sechs Jahre nach dem Krieg, also 1951, noch einmal beim Krebsessen auf der Terrasse ihres Hauses — so wie sie es in den letzten zwanzig Jahren schon oft getan haben. Während des Gesprächs erinnert sie sich an ihr Leben. Als Kind wollte sie Seiltänzerin oder Dompteurin werden. Doch ihr Vater beschließt für sie den Weg als Stenotypistin (Büroangestellte). So lernte sie schließlich ihren Mann kennen, als sie in seinem Architekturbüro in Berlin als Sekretärin arbeitete. Er verliebte sich in sie und kaufte das Grundstück am See für ihre gemeinsame Zukunft. Er ließ sie den Kaufvertrag unterschreiben, damit das Grundstück bei seiner bevorstehenden Scheidung nicht zur Hälfte an seine damalige Frau und den gemeinsamen Sohn fiel.
Nach der Scheidung baute der Architekt das Haus nach den Wünschen seiner Frau, mit vielen besonderen Details wie einem eisernen Vögelchen und einem begehbaren Kleiderschrank mit geheimem Öffnungsmechanismus. Anfangs fuhren sie nur an Wochenenden zum See, weil sie weiter im Büro ihres Mannes arbeitete. Später verbrachten sie immer mehr Zeit dort, zusammen mit Gästen und ihren Schwestern und deren Kindern. Ihr Kinderwunsch bleibt hingegen unerfüllt, weil der Architekt keine weiteren Kinder wollte.
Neben all den schönen Erinnerungen denkt sie auch an ein sehr traumatisches Ereignis am Ende des Zweiten Weltkriegs. Während ihr Mann in Berlin versuchte, seine Papiere vor den Russen zu verstecken, versteckte sie sich im begehbaren Kleiderschrank vor russischen Soldaten, die in ihr Haus eingedrungen waren. Ein junger russischer Major entdeckte sie dort und nannte sie — als ältere Frau — „Mama“. Aus Angst vor einer Vergewaltigung ergriff sie selbst die Initiative zum Geschlechtsverkehr mit ihm. Ihrem Mann hat sie davon nie erzählt.
Nachdem sich die Gäste am letzten Abend verabschiedet haben, geht sie in ihr Schlafzimmer, während ihr Mann auf der Terrasse noch raucht. Da sie in den Wechseljahren ist und Angst vor dem Altern hat, reibt sie sich wie jeden Abend mit Kampferöl und Pfefferminzsalbe ein — ein Geruch, der dem Haus für immer bleibt. Ihr wird bewusst, dass sie nach der Flucht aus der DDR nie wieder in ihr Haus zurückkehren kann. Deshalb will sie es später ihren Nichten und deren Töchtern vererben, keinesfalls aber einem Mann.
✏️ Tipp für die Analyse: Der Architekt baut ihr ein Haus am See, das wie eine Liebeserklärung wirkt. Doch für sie ist es gleichzeitig ein Paradies wie auch ein „Gefängnis“, das sie von der Welt und ihren damaligen Träumen abschneidet. Nach dem Erlebnis mit dem Soldaten ist für sie das einst so sichere Haus ruiniert. Daher bestimmt sie, dass das Haus niemals wieder einem Mann gehören soll, um es frei von männlicher Kontrolle zu halten.
Kapitel 9: Der Gärtner (5)
| – Ort: das ehemalige Grundstück der jüdischen Familie am See – Figuren: der Gärtner – Zeitraum: 1940 |
Auf dem ehemaligen Grundstück der jüdischen Familie baut der Gärtner ein Bienenhaus und beginnt mit der Imkerei. Von nun an wohnt er im Schleuderraum des Bienenhauses und macht dort weiter seine gewohnten Gartenarbeiten.
✏️ Tipp für die Analyse: Der Umzug in das Bienenhaus unterstreicht seine symbolische Rolle als jemand, der lieber im Hintergrund wirkt, aber für die Gemeinschaft unverzichtbar ist — ähnlich wie die Bienen, die als Bestäuber unverzichtbar für das Ökosystem sind.
Kapitel 10: Das Mädchen
| – Ort: das Warschauer Ghetto, später das Konzentrationslager Treblinka – Figuren: Doris, ihre Mutter Elisabeth – Zeitraum: 1942/43 |
Nach der Deportation aus Berlin müssen Doris, die Nichte des Tuchfabrikanten Ludwig, und ihre Mutter Elisabeth eine furchtbare Zeit im Warschauer Ghetto verbringen. Als das Ghetto aufgelöst wird und die Menschen gewaltsam ins Konzentrationslager Treblinka gebracht werden, gelingt es der inzwischen zwölfjährigen Doris, sich in einer engen, niedrigen Kammer im oberen Stock eines Hauses in der Nowolipiestraße zu verstecken. Dort wartet sie in völliger Dunkelheit auf eine Gelegenheit zur Flucht und denkt an ihr bisheriges Leben zurück.
Sie erinnert sich an schöne Zeiten mit Onkel Ludwig auf dem Grundstück am See und an das Segeln mit dem Großvater Arthur. In der Stille ihres Verstecks stellt sie sich viele Geräusche aus der Vergangenheit vor, vor allem das Klavierspiel mit Onkel Ludwig, bevor er nach Südafrika auswanderte. Sie denkt an die Weide, die sie mit dem Großvater bepflanzt hat, und an seinen Blick, als er das Badehaus zum letzten Mal abschloss. Auch an den letzten Brief ihres Vaters Ernst erinnert sie sich, der beim Bau der Autobahn an Fleckfieber starb. Zu seiner Beerdigung durfte sie nicht fahren.
Sie muss plötzlich aufs Klo, aber wurde von ihrer Mutter gewarnt, das Versteck nicht zu verlassen. Deshalb uriniert sie so, dass das Brett, auf dem sie sitzt, nicht nass wird. Doris denkt an die Pläne ihrer Eltern, nach Brasilien auszureisen, und daran, wie sie den gesamten Hausrat für die Ausreise in einen Container zur Ausschiffung verpackt hatten. Nach dem Tod ihres Vaters wurde der Besitz der Familie beschlagnahmt und an die Nachbarn in Guben versteigert. Sie denkt wieder an schöne Momente am See zurück, als ein Junge aus dem Dorf ihr das Schwimmen beibrachte oder die Nachbarin (die Frau des Architekten) ihr zeigte, wie man Krebse fängt.
Weil der Boden ihres Verstecks nicht eben ist, läuft ihr Urin in die Wohnung hinaus und bildet auf dem Küchenboden einen kleinen See. Soldaten, die die leere Wohnung nach Wertgegenständen durchsuchen, bemerken das und entdecken sie. Sie wird in einen Waggon gebracht, in dem während der Fahrt 30 von 120 Menschen ersticken. Als elternloses Kind, für das es keine Verwendung gibt, wird sie sofort nach der Ankunft in Treblinka erschossen.
✏️ Tipp für die Analyse: Während des Kapitels wiederholt Doris in Gedanken immer wieder ihren Namen und ihre Herkunft: „Doris, Tochter von Ernst und Elisabeth, zwölf Jahre alt, geboren in Guben“. Damit versucht sie sich ihrer eigenen Existenz zu versichern und nicht den Verstand zu verlieren.
Kapitel 11: Der Gärtner (6)
| – Ort: das Haus am See – Figuren: der Gärtner, russische Soldaten – Zeitraum: 1944/45 |
Der Gärtner hilft der Frau des Architekten dabei, wertvolle Gegenstände vor den heranrückenden Soldaten der Roten Armee zu verstecken und in Sicherheit zu bringen. Die Russen stellen über 200 Pferde auf dem Grundstück ab, die auf der Suche nach Futter den gesamten Garten verwüsten. Während die Russen von Osten immer weiter vorrücken, dringt gleichzeitig der Kartoffelkäfer weiter nach Osten vor.
✏️ Tipp für die Analyse: Der Abschnitt zeigt ein Paradoxon auf. Die Architektenfrau lebt in der menschlichen Geschichte. Für sie bedeutet der Einmarsch der Roten Armee das Ende ihrer bisherigen Existenz. Der Gärtner hingegen lebt in der Naturzeit (zyklische Zeit). Für ihn ist die Käferplage, welche die Lebensgrundlage der Pflanzen zerstört, deutlich wichtiger.
Kapitel 12: Der Rotarmist
| – Ort: das Haus am See – Figuren: der Rotarmist (ein junger russischer Major), die Frau des Architekten, russische Soldaten – Zeitraum: 1945 |
Während die Rote Armee weiter Richtung Berlin vorrückt, fallen russische Soldaten auch in das Haus des Architektenehepaars ein. Auf dem Grundstück stellen sie über 200 Pferde ab, die den Garten völlig verwüsten. Im unteren Stockwerk des Hauses hausen die Soldaten und richten dort großes Chaos an, um Rache für die Verwüstungen der deutschen Armee in Russland zu nehmen. Ihr Kommandant, ein junger Major, zieht sich ins Schlafzimmer im oberen Stock zurück, um dem Lärm und Schmutz seiner Soldaten zu entgehen.
Der Major ist schon mit 15 Jahren freiwillig in die Rote Armee eingetreten. Zuvor hatten deutsche Soldaten seine gesamte Familie (Eltern, ältere Schwester) grausam ermordet und sein Heimatdorf niedergebrannt. Seine vierjährige Schwester war im Brunnen ertrunken. Durch diese schrecklichen Verluste und den Wunsch nach Rache hat er schnell Karriere gemacht.
In der Nacht hört er in der Wand des Schlafzimmers, das nach Pfefferminz und Kampfer riecht, seltsame Geräusche. Zuerst denkt er, es seien Marder im Dach. Als die Geräusche nicht aufhören, entdeckt er im Dunkeln den geheimen Öffnungsmechanismus des begehbaren Kleiderschranks und findet darin eine versteckte Frau. Als er sie zu sich heranzieht und auf den Mund küsst, nennt er sie „Mama“. Daraufhin ergreift die Frau selbst die Initiative und es kommt zum Geschlechtsverkehr zwischen den beiden. Danach schickt der Major die Frau, die er im Dunkeln nie richtig sehen konnte, zurück in ihr Versteck.
Er geht nach unten zu seinen Soldaten und verbringt die Nacht mit ihnen bei der Plünderung des Hauses. Am nächsten Morgen öffnet er noch einmal den geheimen Schrank und wirft der Frau ein halbes Brot ins Dunkel ihres Verstecks.
✏️ Tipp für die Analyse: Der Rotarmist ist durch den Verlust seiner eigenen Familie selbst ein Opfer des Krieges. Das Kapitel zeigt den Teufelskreis aus Gewalt, Trauma und Gegengewalt.
Kapitel 13: Der Gärtner (7)
| – Ort: das Haus am See – Figuren: der Gärtner, die alten Eigentümer, ein Schriftstellerehepaar aus Berlin und dessen Sohn – Zeitraum: nach 1945 bis in die frühen 1950er-Jahre |
Nachdem die sowjetischen Truppen abgezogen sind, beginnt der Gärtner damit, das in Mitleidenschaft gezogene Grundstück wieder instand zu setzen. Er erledigt weiter seine gewohnten Gärtner-, Imker- und Hausmeisterarbeiten für die alten Eigentümer. Nachdem das Architektenehepaar aus der DDR geflohen ist, arbeitet er für die neuen Pächter: ein Schriftstellerehepaar aus Berlin. Er zeigt ihnen als Ortskundiger das Gelände.
✏️ Tipp für die Analyse: In diesem Kapitel wird deutlich, wie der Gärtner die verschiedenen Epochen und Bewohner des Grundstücks miteinander verknüpft.
Kapitel 14: Die Schriftstellerin
| – Ort: das Haus am See – Figuren: die Schriftstellerin, ihr Ehemann, ihr Sohn mit Frau, deren Schwiegermutter (die Besucherin), die Enkelin, ein Nachbarsjunge, der Gärtner, ein junger Berliner Arzt – Zeitraum: Anfang der 1950er-Jahre bis 1973 |
Nach der Flucht des Architektenehepaars aus der DDR fällt das verlassene Grundstück samt allen Gebäuden an den Staat. Anfang der 1950er-Jahre verpachtet die Gemeinde das Haus an ein kommunistisches Schriftstellerehepaar, das nach dem Ende der Nazi-Diktatur mit seinem kleinen Sohn aus dem langjährigen Exil in der Sowjetunion nach Ostdeutschland zurückkehrt. Der Sohn wächst zu dieser Zeit in einem Kinderheim auf, weil die sozialistisch eingestellten Eltern an die Vorzüge einer gemeinschaftlichen Erziehung glauben. Nur gelegentlich verbringt er die Ferien im Haus am See, wo er sich mit dem Gärtner anfreundet. Das Haus wird nur im Sommer genutzt. Im Winter wohnt die Familie in Berlin.
Etwa 20 Jahre später, an einem Sommertag im Jahr 1973, sitzt die inzwischen alt gewordene Schriftstellerin oben in ihrem Arbeitszimmer. Sie blickt zum See hinaus und sieht im Garten ihre Familie: ihren Ehemann, ihren Sohn mit Frau, deren Schwiegermutter, die kleine Enkelin mit einem Nachbarsjungen sowie den Gärtner und die Köchin. Sie versucht, an ihrem literarischen Hauptthema, der Heimkehr, weiterzuschreiben.
Im Moment beschäftigt sie aber vor allem ein Streit mit ihrem neuen Nachbarn, einem jungen Berliner Arzt. Dieser hat es dank guter Beziehungen zu staatlichen Stellen geschafft, einen Teil ihres Grundstücks, der früher den Juden gehörte, zu mieten und nach seinen eigenen Vorstellungen umzugestalten. Besonders ärgert sie, dass der Arzt einen Zugang zum See bekommen hat, wofür ihr Badehaus weg musste. Deshalb schreibt sie einen scharfen Beschwerdebrief an einen General, den sie noch aus früheren politischen Zeiten kennt.
Danach widmet sie sich wieder ihrer schriftstellerischen Arbeit, in der sie ihre Emigration, ihren journalistischen Kampf gegen die Nazi-Verbrechen, die schwere Zeit im sowjetischen Exil und die Umstände ihrer Rückkehr nach Deutschland verarbeitet. Nach einigen Tagen teilt ihr die Gemeindeverwaltung mit, sie könne das Haus, aber nicht das Grundstück kaufen. Das Badehaus soll auf Staatskosten versetzt werden, damit der Arzt seinen Seezugang bekommt. Mit diesem Vorschlag erklärt sich die Schriftstellerin schließlich einverstanden.
✏️ Tipp für die Analyse: Das Kapitel zeigt, wie die Zensur in der DDR die künstlerische Freiheit einschränkt. Das macht es der Schriftstellerin schwer, ihre Vergangenheit schriftlich festzuhalten. Die Figur der Schriftstellerin weist außerdem starke Parallelen zu Erpenbecks eigener Großmutter auf, der jüdischen Kommunistin und Schriftstellerin Hedda Zinner (1905–1994).
Kapitel 15: Der Gärtner (8)
| – Ort: das Haus am See – Figuren: der Gärtner, der Hausherr, der Sohn des Hausherrn – Zeitraum: 1960er-Jahre |
Der Gärtner stürzt bei der Kirschernte von der Leiter und bricht sich ein Bein. Danach ist er bei der Arbeit körperlich eingeschränkt. Deshalb unterstützen ihn von nun an der Hausherr und sein Sohn bei der Arbeit.
Kapitel 16: Die Besucherin
| – Ort: das Haus am See, mit Rückblenden nach Masuren/Ostpreußen – Figuren: die Besucherin (die Großmutter), ihr verstorbener Mann, ihre Tochter, ihre Enkelinnen, die Schriftstellerin – Zeitraum: 1973, mit Rückblenden bis ins frühe 20. Jahrhundert |
Die alte Frau, die „Besucherin“ genannt wird, stammt ursprünglich aus Masuren in Ostpreußen und wurde gegen Kriegsende von ihrem Hof vertrieben. Ihre Tochter, Mutter von drei Kindern, kehrte vom Kriegseinsatz nicht zurück, sodass die Besucherin ihre Enkelinnen versorgen und mit auf die Flucht nehmen musste. In Berlin fand sie schließlich ein neues Zuhause. Ihre jüngste Tochter heiratete später den Sohn der Schriftstellerin — die Besucherin ist damit die Großmutter der Schwiegertochter der Schriftstellerin.
Seit ihrer Heirat nimmt die Enkelin sie schon seit fünf Sommern mit in die Ferien an den Scharmützelsee. Dort fühlt sich die Besucherin allerdings nicht immer wohl, weil sie unsicher ist, wie sie sich in der intellektuellen Familie verhalten soll. Sie siezt zum Beispiel die Schwiegermutter ihrer Enkelin weiterhin, weil sie nicht weiß, dass sie ihr als Ältere eigentlich das „Du“ anbieten müsste. Auch wenn ihr noch mehr Essen angeboten wird, weiß sie nicht, ob sie einfach zugreifen darf.
Dennoch genießt sie es, im See schwimmen zu können — so wie früher in Masuren. Auf der Wiese am See erinnert sie sich an die Zeit, als sie jung war und gegen den Willen ihrer Mutter einen Mann aus der Ukraine heiratete. Er starb schon mit etwa 40 Jahren an den Folgen eines Arbeitsunfalls. Heute trauert sie weder ihrem verstorbenen Mann noch ihrem verlorenen Hof nach. Stattdessen ist sie stolz darauf, dass sie ihre Enkelinnen gerettet hat und dass eine Enkelin das musikalische Talent ihres Mannes geerbt hat.
✏️ Tipp für die Analyse: Obwohl sie eigentlich Teil der Familie ist, fühlt sie sich nicht als Bewohnerin, sondern als „Besucherin“. Denn die Lebensweise und die Intelligenz der Gastgeberin sind ihr fremd. Deshalb baut sie sich ihre eigene, innere Heimat auf: Das Schwimmen im See und die Musik der Enkelin, die einst ihr Mann spielte, erinnern sie an ihre alte Heimat.
Kapitel 17: Der Gärtner (9)
| – Ort: das Grundstück am See – Figuren: der Gärtner, der neue Nachbar (ein Arzt), der junge Hausherr (Sohn der Schriftstellerin), dessen Tochter, der Kinderfreund – Zeitraum: 1970er-Jahre |
Weil der Arzt vom Nachbargrundstück nun das Bienenhaus übernimmt, darf der Gärtner im Gästezimmer des Hauses wohnen. Zwischen den beiden Grundstücken wird ein neuer Grenzzaun errichtet und im Dorf kursieren Gerüchte über das angespannte Verhältnis zum Nachbarn. Der alte Hausherr, der Ehemann der Schriftstellerin, stirbt. Der junge Hausherr, also der Sohn der Schriftstellerin, verpachtet daraufhin einem Seglerehepaar die Werkstatt als Wochenendhaus. Die kleine Tochter des jungen Hausherrn hilft zusammen mit ihrem Freund aus der Nachbarschaft, dem Gärtner beim Betanken des Rasenmähers.
Kapitel 18: Die Unterpächter
| – Ort: die Werkstatt am See als Wochenendhaus – Figuren: ein älteres Ehepaar (die Unterpächter) – Zeitraum: nach 1989 |
Ein Rentnerehepaar pachtet die Werkstatt auf dem inzwischen meist leerstehenden Grundstück als Wochenendhaus, um ihrer Leidenschaft dem Segeln nachgehen zu können. Da weder der Hausherr noch dessen Tochter sich um das Grundstück kümmern, beginnen sie, den Garten zu verschönern. Nach der Wiedervereinigung wollen sie nun ihren Lebensabend hier in der Natur verbringen. Der Mann befürchtet jedoch, dass sie wegen der ungeklärten Eigentumsverhältnisse wieder ausziehen müssen.
Beide wurden in ihrem Leben Opfer des Krieges und des DDR-Regimes. Der Mann versuchte als junger Architekturstudent aus Angst vor bevorstehenden Prüfungen mit einem Freund über die Elbe in den Westen zu fliehen. Sein Freund ertrank dabei. Er selbst wurde verhaftet und kam ins Gefängnis. Erst konnte er sein Studium nicht fortsetzen und musste „zur Läuterung“ in einer Möbelfabrik arbeiten. Später hätte er sein Architekturstudium wieder aufnehmen können, doch entschied sich dagegen. Er blieb freiwillig ein einfacher Arbeiter, ohne Ehrgeiz nach einer Karriere — nur um seinem Hobby, dem Segeln und Schwimmen, nachgehen zu können. Sein Leben besteht seitdem aus ständigen Zwischenlösungen.
Seine Frau erfährt in dieser Zeit durch ein Telefonat, dass sie eine Schwester hat und dass ihre eigenen Eltern in Wirklichkeit nur ihre Zieheltern waren. Sie wurde als Flüchtlingskind an eine fremde Familie gegeben und stammt eigentlich aus dem Riesengebirge. Als Kind war sie mit ihrem Vater sehr glücklich. Nun fühlt sie sich plötzlich verlassen und allein, gewissermaßen in eine neue Biografie gestoßen. Als sie ihren Mann fragt, wie sie sich verhalten soll und ob sie Kontakt zu ihrer Schwester aufnehmen soll, sagt er nur, dass sie das selbst entscheiden müsse. Die Frau beginnt zu weinen, weil ihre vermeintlich schöne Kindheit nur eine Täuschung war.
✏️ Tipp für die Analyse: Das Kapitel zeigt die emotionale Distanz des Paares. Die gemeinsamen Segeltouren, die eigentlich für Freiheit stehen, können die persönliche Entfremdung und die unverarbeiteten Traumata der beiden nicht heilen.
Kapitel 19: Der Gärtner (10)
| – Ort: das Grundstück am See – Figuren: der Gärtner, die Tochter des Hausherrn (Enkelin), die Unterpächter – Zeitraum: 1980er-Jahre |
Der Gärtner hilft der Tochter des Hausherrn heimlich bei nächtlichen Ausflügen zu ihren geheimen Liebschaften. Außerdem erlaubt er, dass eine Tanne gefällt wird, um eine Telefonleitung zur Werkstatt zu verlegen. Unter den Wurzeln des Baumes finden die Unterpächter dabei eine vergrabene Kiste mit Porzellan, die der Hausherr an sich nimmt.
✏️ Tipp für die Analyse: Das Porzellan ist ein Überbleibsel aus der Zeit des Architekten. Der hatte es damals gemeinsam mit dem Gärtner im Garten vergraben, um es vor der Roten Armee in Sicherheit zu bringen. Auch in diesem Kapitel, viele Jahre nach dem Verschwinden der ursprünglichen Besitzer, bleibt der Gärtner der stille Zeuge und Bewahrer des Grundstücks.
Kapitel 20: Der Kinderfreund
| – Ort: das Haus am See, mit Rückblenden nach Berlin – Figuren: der Kinderfreund, die Tochter des Hausherrn (seine Kindheitsfreundin), René, Nicole – Zeitraum: um die Jahrtausendwende, mit Rückblenden in die gemeinsame Kindheit |
Der heute 50-Jährige war als Kind der Nachbarsjunge, der immer die Tochter des Hausherrn zum Spielen abholte, wenn sie im Sommer mit ihrer Familie aus Berlin ans Haus am See kam. Weil das Haus nach dem Tod der Schriftstellerin und wegen des langjährigen Auslandsaufenthalts der Enkelin die meiste Zeit leer steht und zunehmend verfällt, kümmert sich der Kinderfreund gelegentlich um kleinere Reparaturarbeiten auf dem Grundstück.
Er lernte die Tochter damals kennen, als sie mit ihrem Vater Himbeeren pflückte und er von ihrem Vater eingeladen wurde, mitzumachen. Daraus entwickelte sich eine lange Kinder- und Jugendfreundschaft, aus der bei ihm mehr wurde. Als er älter wurde, wünschte er sich, sie zu heiraten. Doch für sie kam das nie infrage. Sie lebte in Berlin, hatte dort ihre Freunde und wollte später einen von ihnen heiraten. Das verstand er erst, als er sie einmal in Berlin besuchte und dort zufällig einen liebevollen Zettel eines Schulfreundes an sie fand. Später, wenn sie mit ihrem Mann am See war, half er beiden bei Arbeiten in Haus und Garten, für die der Gärtner inzwischen zu alt geworden war.
Während er heute das Dach des Badehauses notdürftig abdichtet, erinnert er sich an viele gemeinsame Erlebnisse aus Kindheit und Jugend, aber auch an ein schreckliches Ereignis: Der 15-jährige Nachbarsjunge René prahlte mal damit, dass er mit seiner 12-jährigen Cousine Nicole, die immer nackt im See schwamm, im Holzschuppen schlafen werde. Er forderte die anderen Kinder auf, sich zu verstecken und zuzusehen. Sie taten es und mussten mitansehen, wie René seine wehrlose Cousine vergewaltigte. Fasziniert und entsetzt zugleich, gelang es ihnen nicht, aus ihrem Versteck hervorzukommen und ihr zu helfen.
Später konnte das Haus wegen ungeklärter Eigentumsverhältnisse nicht verkauft werden. Seine Kindheitsfreundin zog trotzdem aus und ließ das Haus verfallen. Er half ihr beim Ausräumen und bei der Stilllegung der Hausanschlüsse.
✏️ Tipp für die Analyse: Wie im gesamten Roman dient die Natur (das Haus und das Grundstück) als Konstante, während die Menschen mit ihren individuellen Lebensgeschichten, Traumata und dem unaufhaltsamen Altern kommen und gehen.
Kapitel 21: Der Gärtner (11)
| – Ort: das Haus am See – Figuren: der Gärtner – Zeitraum: 1990er-Jahre |
Der Gärtner meidet zunehmend jeden Kontakt zu anderen Menschen. Im Winter sieht man gelegentlich nur noch seine Fußspuren im Schnee. Kurz bevor das Haus für einen Investor geräumt werden soll, verschwindet er plötzlich und wird danach nie wieder gesehen.
✏️ Tipp für die Analyse: Das Kapitel markiert das Ende der Konstanz. Die Aufgabe des Gärtners ist erfüllt oder vielmehr hat die sich wandelnde Welt keinen Platz mehr für seine Art der Beständigkeit.
Kapitel 22: Die unberechtigte Eigenbesitzerin
| – Ort: das Haus am See – Figuren: die Enkelin der Schriftstellerin, eine Maklerin, der Kinderfreund – Zeitraum: um die Jahrtausendwende |
Nach dem Tod der Schriftstellerin überträgt ihr Sohn seinen Besitz am See auf seine Tochter. Denn er hat keine Lust auf ein Leben in Naturnähe. Doch seine Tochter kann sich wegen eines langjährigen Arbeitsaufenthalts im Ausland ebenfalls nicht um das Haus kümmern, sodass sich dessen Zustand immer weiter verschlechtert. Bis in die obere Etage hinein breitet sich Schimmel aus. Weil die Enteignung des ursprünglichen Architektenpaares nach dessen Flucht in den Westen inzwischen als rechtswidrig gilt, können die im Westen lebenden Erben der Architektenfrau einen Antrag auf Rückübertragung stellen. Dadurch wird die Tochter zur „unberechtigten Eigenbesitzerin“. Sie muss entweder den Wert des Grundstücks an die Erben auszahlen oder ihren Besitz aufgeben. Da ihr das Geld dafür fehlt, entscheidet sie sich, das Haus zu verkaufen.
Haus und Grundstück stehen daraufhin nach einigen gescheiterten Sanierungs- und Kaufverhandlungen mit einem Investor erneut zum Verkauf. Zur gleichen Zeit, in der ihr Kinderfreund das Dach des Badehauses repariert, besucht die Enkelin ein letztes Mal den Garten und das Haus, um die größte Unordnung vor den bevorstehenden Besichtigungen durch Kaufinteressenten zu beseitigen. Sie selbst lässt sich dabei aber bei niemandem blicken, sondern versteckt sich und übernachtet im begehbaren Kleiderschrank, in dem es weiterhin nach Pfefferminz und Kampfer riecht.
In den folgenden Tagen belauscht sie die Verkaufsgespräche der Maklerin. Den Pachtvertrag für die ehemalige Werkstatt mit dem Seglerehepaar musste sie schon Monate zuvor kündigen, weil das Grundstück neu aufgeteilt wurde. Wegen des hohen Kaufpreises dauert es eine Weile, bis sich ein Käufer findet. Der neue Eigentümer will das Haus nicht sanieren, sondern für einen Neubau abreißen lassen. Am Ende schließt die ehemalige Besitzerin nur noch die vielen Zimmertüren, die Haustür und das Tor ab.
✏️ Tipp für die Analyse: Das Kapitel symbolisiert das endgültige Ende der Geschichte des Hauses. Es spiegelt die Vergänglichkeit von Eigentum, Erinnerungen und Identität wider und zeigt, wie politische Brüche in persönliche Schicksale eingreifen.
Epilog
| – Ort: das Grundstück am See – Figuren: keine (Baubeschreibung) – Zeitraum: Ende der 1990er-Jahre |
Der Epilog beschreibt in nüchterner Sprache den Abriss des Hauses. Die einzelnen Arbeitsschritte, die Berechnung der Schuttmengen und die Art der Entsorgung. Es bleibt nur noch das leere Grundstück am See zurück. Der Epilog endet mit dem Gedanken, dass die Natur den Platz zurückerobert und für einen kurzen Moment wieder so aussieht wie in der Eiszeit, bevor dort ein neues Haus gebaut wird.
✏️ Tipp für die Analyse: Der Epilog greift die geologischen Prozesse des Prologs (die Eiszeit) wieder auf. Geschichte verläuft nicht linear, sondern in Kreisläufen von Entstehung und Vergehen.
Die Figuren in Heimsuchung
Die Figuren des Romans sind zwar nicht verwandt, aber alle über das Grundstück am See miteinander verknüpft. Wie sie zusammenhängen, siehst du hier:
Mehr zum Charakter der einzelnen Figuren und in welcher Zeit sie lebten, haben wir dir hier zusammengefasst:
| Figur | Charakterisierung |
| Der Gärtner | – historische Phase: Weimarer Republik bis Wende – keine bekannte Herkunft, kein Name, kein Besitz – lebt zunächst in einer verlassenen Jagdhütte, später im Bienenhaus bzw. Gästezimmer des Hauses – fleißig, geschickt (besonders bei der Baumveredelung), schweigsam, kommuniziert kaum mit anderen Menschen – verletzt sich im Alter bei der Kirschernte, verwahrlost zunehmend und verschwindet am Ende spurlos |
| Der Großbauer Wurrach | – historische Phase: Weimarer Republik – autoritärer, wohlhabender Dorfschulze – verwitwet, bestimmt streng über das Leben seiner vier Töchter – lässt seine als „verrückt“ geltende Tochter Klara enterben und verkauft ihr Erbteil in drei Teile → Ausgangspunkt der gesamten Romanhandlung |
| Der Architekt | – historische Phase: Weimarer Republik bis NS-Zeit – selbstbewusst, kompetent, opportunistisch – passt sich sowohl dem NS-Regime als auch (zunächst) der DDR an – profitiert vom günstigen Zwangsverkauf des jüdischen Nachbargrundstücks, ohne Schuldbewusstsein zu zeigen – sieht im selbst gebauten Haus die Verwirklichung von „Heimat“ – muss 1951 selbst als Flüchtling in den Westen fliehen |
| Die Frau des Architekten | – historische Phase: Weimarer Republik bis NS-Zeit – jüngste Tochter eines wohlhabenden Hauses – ursprünglich lebenslustig und bewegungsfreudig, wird jedoch als Sekretärin in ein enges bürgerliches Leben gedrängt – unterschreibt aus finanziellen Gründen den Kaufvertrag für das Grundstück und wird so formal Eigentümerin – erlebt am Kriegsende eine traumatische sexuelle Begegnung mit einem russischen Major, über die sie ihr Leben lang schweigt |
| Der Rotarmist |
– historische Phase: NS-Zeit bis Kriegsende 1945 |
| Der Tuchfabrikant Ludwig | – historische Phase: NS-Zeit – Ludwig erkennt die Gefahr für Juden im NS-Deutschland rechtzeitig und wandert 1936 nach Kapstadt aus – bleibt sein Leben lang zwischen alter und neuer Heimat „zerrissen“ – hält an deutschen Traditionen fest, spricht eine deutsch-englische Mischsprache – seine Eltern und seine Schwester schätzen die Gefahr zu spät ein und werden Opfer des Holocaust |
| Das Mädchen Doris | – historische Phase: NS-Zeit – Nichte Ludwigs – wächst zunächst behütet auf, wird später wegen antisemitischer Anfeindungen zur Tante nach Berlin geschickt – klammert sich an schöne Kindheitserinnerungen an den See – wird deportiert und im Vernichtungslager ermordet |
| Die Schriftstellerin | – historische Phase: NS-Zeit, Kriegsjahre, frühe DDR – jüdische Kommunistin – überlebt Exil in der Sowjetunion, kehrt als überzeugte Sozialistin in die DDR zurück – idealistisch, redegewandt, sieht in ihrer Schreibmaschine ihre eigentliche „Heimat“ – wird zunehmend desillusioniert, als sich die reale DDR nicht mit ihrem Ideal einer gerechten Gesellschaft deckt |
| Die Besucherin | – historische Phase: NS-Zeit, Kriegsjahre, frühe DDR – aus Masuren/Ostpreußen vertriebene Bäuerin – Großmutter der Schwiegertochter der Schriftstellerin – rettet als Magd auf dem eigenen (nun besetzten) Hof ihre drei Enkelinnen – bescheiden, bodenständig – sucht Heimat in vertrauten Handlungen wie dem Schwimmen |
| Die Unterpächter | – historische Phase: späte DDR, Wendezeit – älteres, segelbegeistertes Ehepaar, das nach der Wende die Werkstatt am See pachtet – der Mann verbüßte nach einem gescheiterten Fluchtversuch in den Westen eine Haftstrafe und blieb aus Aussichtslosigkeit einfacher Arbeiter – die Frau erfährt erst spät von ihrer wahren Herkunft als adoptiertes Flüchtlingskind, was sie tief erschüttert |
| Der Kinderfreund | – historische Phase: Wendezeit – Nachbarsjunge, der mit der Enkelin der Schriftstellerin aufwächst und sie insgeheim liebt – passiv, wartend, beobachtend statt handelnd – hilft später beim Ausräumen des verfallenden Hauses – als Kind Zeuge einer sexuellen Gewalttat, die er nicht verhindert — ein Trauma, das ihn lebenslang begleitet |
| Die unberechtigte Eigenbesitzerin | – historische Phase: Wendezeit – Enkelin der Schriftstellerin – verbrachte am See ihre glücklichste Kindheit – muss das Haus nach der Wende an die Erben der ursprünglichen Architektenfamilie zurückgeben, obwohl es emotional „ihre“ Heimat ist – ihr Abschied (Putzen, Aufräumen, Türenverschließen) wird zur symbolischen letzten Handlung des Romans |
Literarische Einordnung
„Heimsuchung“ gehört formal zur deutschen Gegenwartsliteratur. Inhaltlich ist es eng mit dem Genre des Familien- bzw. Generationenromans verwandt, da das Werk die deutsche Vergangenheit über mehrere Generationen hinweg aufarbeitet. Erpenbeck bricht aber leicht mit diesem Genre. Denn statt einer durchgehenden Familienchronik erzählt sie 12 lose, teils gar nicht verwandte Lebensläufe — verbunden durch einen gemeinsamen Ort. Der Roman ist daher eher die „Chronik eines Hauses“ statt einer Familie.
Formal zeigt der Roman viele Merkmale moderner bis postmoderner Erzähltechnik. Erzählhaltung und Erzählstil wechseln von Kapitel zu Kapitel — je nachdem, wer gerade erzählt. Mal ist es neutral-distanziert (wie im Kapitel 1 über den Großbauern), mal persönlich und geprägt von erlebter Rede (wie das Kapitel 10 über Doris).
Ein weiteres Merkmal der modernen bzw. postmodernen Romane ist das abschnittsweise und lückenhafte Erzählen. Bestimmte Ereignisse werden nicht sofort vollständig erklärt, sondern oft erst mehrere Seiten später aufgelöst. Wichtige Zusammenhänge musst du als Leser daher selbst erschließen.
Neben dieser modernen Form gibt es aber auch realistisch-dokumentarische Elemente. Grausame historische Ereignisse wie die Ermordung der jüdischen Familie werden sachlich und nüchtern beschrieben. Das ist ein Merkmal der Literatur nach 1945, die bewusst auf moralisierende Einordnung verzichtet. Denn sie wollte die Unfassbarkeit der Ereignisse nicht verharmlosen.
Historische Einordnung
Als der Roman „Heimsuchung“ 2008 erschien, lag die deutsche Wiedervereinigung etwa 15 Jahre zurück. In der Gesellschaft wurden damals zwei Themen stark diskutiert, die sich direkt im Buch wiederfinden:
- Enteignung und Rückgabe („Restitution“): Nach der Wende galt in Deutschland der Grundsatz „Rückgabe vor Entschädigung“. Grundstücke, die während der NS-Zeit jüdischen Besitzern weggenommen („arisiert“) oder in der DDR verstaatlicht wurden, mussten an die alten Eigentümer zurückgegeben werden. Das sorgte für viele Konflikte. Im Roman betrifft das die Figur der „unberechtigten Eigenbesitzerin“, die dadurch ihr Elternhaus verliert.
- Flucht und Vertreibung: Um 2008 gab es große Debatten über das Schicksal der Deutschen, die nach dem Zweiten Weltkrieg aus den ehemaligen Ostgebieten fliehen mussten. Dieses Thema greift Erpenbeck durch die Figur der „Besucherin“ auf.
Doch „Heimsuchung“ ist kein rein erfundenes Drama. Fast alle Schicksale und Figuren basieren auf realen Personen und Ereignissen:
Das Haus am Scharmützelsee existierte tatsächlich. Es wurde 1936 von einem Berliner Architekten erbaut und 1950 von Erpenbecks Großeltern gekauft. Nach der Wende verlor die Familie das Sommerhaus durch die gesetzliche Restitution an die Erben im Westen. Diesen Verlust beschrieb Jenny Erpenbeck in Interviews selbst als eine Art persönliche, traumatisierende „Heimsuchung“, die sie noch jahrelang in ihren Träumen verfolgte.
Die Figur der „Schriftstellerin“ basiert dabei auf Erpenbecks Großmutter, der bekannten jüdisch-kommunistischen DDR-Autorin Hedda Zinner. Sie musste 1935 mit ihrem Mann vor den Nationalsozialisten flüchten, bevor sie 1945 als staatstreue Intellektuelle in die DDR zurückkehrte.
„Die Besucherin“ wiederum hat biografische Ähnlichkeiten zu Erpenbecks Mutter — der Arabistik-Professorin Doris Kilias. Sie ist als Kind mit ihrer Großmutter aus Masuren vor der heranrückenden Roten Armee in den Westen geflohen.
Sogar die tragische Geschichte der jüdischen Familie entspricht realen Tatsachen. Das Vorbild für den jüdischen Tuchfabrikanten war der Gubener Unternehmer Heinz Engel. Er musste das Grundstück 1939 durch den Druck der Nationalsozialisten weit unter Wert verkaufen und nach Südafrika ausreisen. Seine Schwester Elisabeth Kaplan und ihre Tochter Doris überlebten den NS-Terror nicht. Sie wurden 1941 in das Warschauer Ghetto gebracht und ermordet.
Indem Erpenbeck für das jüdische Mädchen den echten Namen und die exakte Biografie von Doris Kaplan übernimmt, setzt ein Denkmal für die Opfer des Holocaust. Somit verknüpft der Roman die verschiedenen Katastrophen der deutschen Vergangenheit mit Erpenbecks persönlicher Familiengeschichte.
Sprache und Stil
Der Schreibstil in „Heimsuchung“ ist typisch für das moderne, fragmentarische Erzählen. So wechseln ständig die Erzählperspektive und die Erzählhaltung. Erpenbeck verzichtet bewusst auf einen objektiven, allwissenden Erzähler, der dem Leser ein fertiges Gesamtbild liefert. Stattdessen besteht der Roman aus 12 kurzen Biografien. Diese Bruchstücke spiegeln formal wider, dass es in einer von Brüchen geprägten Welt keine gemeinsame, allgemeingültige Wirklichkeit oder ein festes Wertesystem gibt. Dem Leser wird die Identifikation mit den Figuren durch diese Distanz erschwert. Er muss die Verknüpfungen und den „roten Faden“ selbst im Rückblick entschlüsseln.
Sprachlich bewegt sich der Roman zwischen emotionaler Distanz und tiefer Subjektivität. Traumatische Ereignisse werden in einem sachlich-neutralen Ton berichtet, ohne jeglichen Kommentar oder ein Wort des Bedauerns. Diese Distanz wird zusätzlich durch den Einsatz von Fachsprachen, etwa aus der Geologie im Prolog oder der Jura-Sprache im Kapitel der „unberechtigten Eigenbesitzerin“ verstärkt.
Im Gegensatz dazu steht die erlebte Rede und seltener auch ein innerer Monolog. Hierbei verschmelzen Erzähler und die Gedanken der jeweiligen Figur, die in der 3. Person erzählt werden (z. B. „Heimat planen, das war sein Beruf“). Das erlaubt zwar einen tiefen Einblick in das Innenleben der Figuren, aber verunsichert zugleich den Leser. Denn die Grenzen zwischen dem äußeren Erzähler und den inneren Gedanken der Figur fließen ineinander über.
Leitmotive des Romans
Um die 12 einzelnen Geschichten zusammenzuhalten, arbeitet Erpenbeck mit Leitmotiven. Bestimmte Ereignisse werden mehrfach aus den Blickwinkeln unterschiedlicher Figuren geschildert, wie etwa der Kauf des Nachbargrundstücks (aus Sicht des Architekten und des jüdischen Tuchfabrikanten) oder das Verstecken zweier Frauen im Wandschrank (Architektenfrau und unberechtigte Besitzerin).
Außerdem gibt es wiederkehrende Ausdrücke und Symbole, die sich durch den Roman ziehen:
- Die Metapher „Loch in der Ewigkeit“ — steht sinnbildlich für die Vergänglichkeit des Menschen im Gegensatz zur Beständigkeit von Haus und Natur
- Die Begriffe „Heim“ / „Heimat“ — verweist auf die Suche nach/ den Verlust von Heimat der Figuren
- Der Pfefferminz und Kampfer-Geruch
- Die Ausstattungsmerkmale vom Haus, z. B. das „eiserne Vögelchen“ oder der begehbare Kleiderschrank mit der geheimen Mechanik zur Türöffnung
- Die häufige Beschreibung der Tiefe des Sees — steht für das Verborgene, Unausgesprochene: Wertgegenstände, Schuld und Traumata werden „unter der Oberfläche“ verborgen, bleiben aber präsent und können wieder „ausgegraben werden“
Diese Wiederholungen schaffen einen thematischen Zusammenhang und verknüpfen die verschiedenen Zeitebenen.
Sogar der Titel „Heimsuchung“ ist ein doppeldeutiges Leitmotiv: Er verweist einerseits auf die existenzielle Suche aller Figuren nach einem dauerhaften „Heim“, in dem sie glücklich werden können. Andererseits steht es für die unausweichlichen Schicksalsschläge und historischen Katastrophen, von denen sie alle früher oder später „heimgesucht“ werden.
Interpretationsansätze zu Heimsuchung
„Heimsuchung“ lässt sich auf vier verschiedenen Ebenen deuten:
1. Heimat als Ort versus Heimat als innerer Zustand
Der wichtigste Interpretationsansatz dreht sich um die existenzielle Frage, was Heimat eigentlich bedeutet. Der Roman stellt dabei zwei Heimatkonzepte gegenüber:
- Für den Architekten und die Schriftstellerin ist Heimat ein Ort oder ein politisches Projekt, das man besitzen, bauen oder erkämpfen kann — und das ihnen am Ende jeweils entrissen wird.
- Die Besucherin dagegen findet Heimat nicht im Ort, sondern in vertrauten Tätigkeiten (dem Schwimmen), unabhängig davon, wo sie sich gerade befindet.
Dabei zeigt sich immer dasselbe Muster: Wer das Grundstück besitzt, empfindet es als Heimat. Wer es verliert, verliert damit auch einen Teil seiner Identität. Der jüdische Unternehmer verliert z. B. sein Grundstück durch staatlichen Zwang in der NS-Zeit. Sein Eigentum war nie sein Schutz, obwohl er es so erlebt hatte.
Erpenbeck zeigt damit, dass „Besitz“ keine Garantie für „Heimat“ ist. Politische Systeme entscheiden darüber, wem ein Ort gehört, nicht die Menschen selbst. Der Roman regt damit zum Nachdenken darüber an, ob wahre Heimat überhaupt an einen physischen Ort gebunden sein kann oder ob es nicht vielmehr ein Gefühl ist, das man „in sich trägt“.
2. Das Haus als Chronik der deutschen Geschichte
Jenny Erpenbeck nutzt das Haus am Scharmützelsee als Mikrokosmos (ein verkleinertes Abbild der Welt), um die Makrogeschichte (die große Weltgeschichte) spürbar zu machen. Das Haus selbst bleibt über die Jahrzehnte stehen, aber seine Bewohner wechseln ständig. Jeder dieser Bewohner steht stellvertretend für eine ganz bestimmte Epoche, ein politisches System oder ein historisches Trauma Deutschlands:
- Die Kaiserzeit / Das alte Preußen wird durch den Großbauern Wurrach repräsentiert
- Die NS-Diktatur und der Holocaust demonstrieren der jüdische Tuchfabrikant und das Mädchen Doris
- Der Zweite Weltkrieg und das Kriegsende zeigt die Geschichte des Rotarmisten (sowjetische Soldaten)
- Die DDR-Diktatur und das sozialistische System repräsentiert die Schriftstellerin
- Republikflucht und Teilung (geteiltes Deutschland) spiegeln sich in den Unterpächtern wider
- Die Wendezeit und das wiedervereinigte Deutschland symbolisiert die Figur der unberechtigten Eigenbesitzerin
3. Natur als Leitmotiv für Zeit & Vergänglichkeit
Das Haus und die Natur bleiben bestehen, während die Menschen mit ihren individuellen Schicksalen (Flucht, Krieg, Vertreibung und Tod) nur vorübergehende Gäste auf Erden sind. Der Scharmützelsee erscheint in nahezu jedem Kapitel. Er wird nie dramatisch oder romantisierend beschrieben, sondern ist einfach da.
Als der Gärtner z. B. in Kapitel 13 auf den See schaut, nimmt er wahr, dass das Wasser noch immer dasselbe Licht trägt, während sich alles um ihn verändert hat. Die Natur steht damit für eine Konstante, die unabhängig von menschlichen Ereignissen weiterläuft.
4. Der Gärtner als Gegenentwurf
Im Gegensatz zu den menschlichen Schicksalen steht die zeitlose Figur des Gärtners. Er dient als Gegenpol im Werk. In Anlehnung an den von Georg Lukács geprägten Begriff der „transzendentalen Obdachlosigkeit“ (der Entfremdung des modernen Menschen von einer als fremd empfundenen Welt) lässt sich der Gärtner als Gegenfigur zu allen anderen, heimatlosen Romanfiguren deuten.
Besitzlos, namenlos und ohne festen Platz in der Gesellschaft ist er die einzige Figur, die durch ihre Arbeit im Einklang mit der Natur eine Form dauerhaften inneren Friedens findet. Während die anderen Charaktere kommen und gehen, Eigentumsansprüche stellen und letztlich scheitern, ordnet sich der Gärtner dem ewigen Kreislauf der Jahreszeiten unter.
Dadurch führt Erpenbeck dem Leser vor Augen, wie das hektische, von Besitzgier und politischer Unruhe getriebene Leben des modernen Menschen zwangsläufig ins Unglück führt. Den Gärtner holt hingegen am Ende lediglich der ganz normale Kreislauf des Lebens ein. Er altert, verliert seine Aufgabe und verschwindet schließlich spurlos.
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„Heimsuchung“ ist Pflichtlektüre für das Abitur. Weitere strukturierte Zusammenfassungen, tiefgehende Interpretationen und hilfreiche Videos zu allen wichtigen Pflichtlektüren findest du in unserem Deutschbereich.