Lyrik
Beispiele für Gedichtanalysen
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Städter – Alfred Wolfenstein: Übersicht

Das Sonett  „Städter“ wurde von Albert Wolfenstein im Jahre 1914 verfasst. Zeitlich kannst du es damit in die Epoche des Expressionismus einordnen. „Städter“ handelt von der Anonymität und Einsamkeit der Großstadtmenschen. Die Städter leben zwar auf engstem Raum zusammen, sind sich aber eigentlich fremd.

In deiner Gedichtanalyse nimmst du den Inhalt, die Form und die Sprache des Gedichts genauer unter die Lupe. Wenn du dir noch unsicher bist, wie genau du eine Gedichtanalyse schreibst, solltest du dir auf jeden Fall unser Video hier ansehen.

Städter – Alfred Wolfenstein: Analyse

Lies dir zunächst einmal das ganze Gedicht durch:

Alfred Wolfenstein

Städter

Dicht wie die Löcher eines Siebes stehn
Fenster beieinander, drängend fassen
Häuser sich so dicht an, dass die Straßen
Grau geschwollen wie Gewürgte stehn.

Ineinander dicht hineingehakt
Sitzen in den Trams die zwei Fassaden
Leute, ihre nahen Blicke baden
Ineinander, ohne Scheu befragt.

Unsre Wände sind so dünn wie Haut,
Dass ein jeder teilnimmt, wenn ich weine.
Unser Flüstern, Denken … wird Gegröle …

Und wie still in dick verschlossner Höhle
Ganz unangerührt und ungeschaut
Steht ein jeder fern und fühlt: alleine.

Eine Aufgabenstellung zu Alfred Wolfenstein — „Städter“ könnte zum Beispiel so lauten:

Analysiere und interpretiere das Gedicht „Städter“ von Alfred Wolfenstein und gehe dabei auf Inhalt, Form und Sprache ein. Berücksichtige dabei insbesondere, dass es sich bei „Städter“ um ein Gedicht des Expressionismus handelt, und beziehe typisch expressionistische Merkmale in deine Analyse ein.

Städter – Alfred Wolfenstein Analyse: Gliederung

Du könntest für deine Gedichtanalyse folgende Gliederung nutzen:

  1. Einleitung: Wichtigste Informationen zu Wolfensteins Gedicht „Städter“
  2. Hauptteil
    2.1 Inhalt: Kernaussage und Aufbau in vier Strophen
    2.2 Form: Zusammensetzung aus Quartetten (zwei Strophen mit je vier Versen) und Terzetten (zwei Strophen mit je drei Versen) als Merkmal eines Sonetts
    2.3 Sprache: Das Stadtleben als Widerspruch
  3. Schluss: Einsamkeit in der Stadt als aktuelles Thema

Bevor du die eigentliche Gedichtanalyse schreiben kannst, brauchst du eine Deutungshypothese . Das bedeutet, dass du eine Behauptung über das Gedicht aufstellst, die du im Laufe deiner Interpretation begründest.

In unserer Aufgabenstellung ist die Deutungshypothese schon vorgegeben: Du sollst zeigen, warum es sich bei „Städter“ um ein typisch expressionistisches Gedicht handelt. Deine Aufgabe ist es also, dich in der Analyse immer wieder auf den Expressionismus zu beziehen und deinen Text mit konkreten Beispiele für die Einordnung in die Epoche zu versehen.

Tipp: Wenn du eine ausführlichere Anleitung brauchst, wie du Gedichte des Expressionismus analysierst, dann hilft dir unser Video weiter.

Städter – Alfred Wolfenstein: Einleitung

In deiner Einleitung nennst du die wichtigsten Fakten zum Gedicht. Du gehst außerdem kurz auf den Inhalt ein und erklärst, worauf du deinen Fokus in der Interpretation legst. Eine kurze Einleitung für „Städter“ könnte so aussehen:

Das Sonett „Städter“ wurde von Alfred Wolfenstein verfasst und stammt aus dem Jahr 1914. Es ist ein typischer Vertreter expressionistischer Großstadtlyrik. Wolfenstein thematisiert in seinem Gedicht die Enge und Anonymität des Großstadtlebens. Auch wenn die Bevölkerung dicht an dicht haust, lebt sie doch abgeschottet voneinander und vereinsamt zunehmend. Im Folgenden soll „Städter“ analysiert werden. Dabei wird insbesondere auf die Epochenmerkmale eingegangen, die im Gedicht vertreten sind.

Städter – Alfred Wolfenstein: Hauptteil

Wie du in der Gliederung bereits gesehen hast, gehst du im Hauptteil deiner Gedichtanalyse auf Inhalt, Form und Sprache ein.

Städter — Alfred Wolfenstein: Inhalt

Wirf einen Blick auf die vier Strophen des Gedichts. Worum geht es? Was passiert in den einzelnen Strophen? Achte außerdem darauf, ob sich der Schauplatz oder die Gefühle des lyrischen Ichs im Verlauf des Gedichts verändern. Eine Inhaltsangabe der 1. Strophe könnte so aussehen:

Wolfensteins Sonett ist in 4 Strophen untergliedert. In der ersten Strophe beschreibt das lyrische Ich seine Umgebung. Die Häuser und ihre Fenster sind dicht aneinander gereiht, die Straßen sind grau. Unter dem Druck der Bebauung scheinen die Straßen anzuschwellen und ein Gefühl von unangenehmer Enge wird deutlich.

Schau dir auch die restlichen drei Strophen von „Städter“ an. In der 2. Strophe beschreibt das lyrische Ich einen anderen Ort, nämlich das Innere einer Straßenbahn. Auch hier drängen sich die Menschen auf engstem Raum zusammen. Dabei beäugen sie sich gegenseitig, ohne Kontakt zueinander aufzunehmen. In der 3. Strophe vollzieht sich ein Perspektivwechsel. Denn das lyrische Ich wechselt von der unpersönlichen Ebene in die persönliche. Dieser Wechsel wird durch die verwendeten Personalpronomen deutlich — das lyrische Ich nutzt erstmalig „unsre“ und „ich“. Die 3. und 4. Strophe handeln von der Wirkung der Großstadt auf ihre Bewohner, die keinen Rückzugsort mehr haben.

Um den Inhalt des Gedichts weiter zusammenzufassen und dich auf Merkmale des Expressionismus zu beziehen, können dir folgende Fragen helfen:

  • Warum wird in V. 6 von „zwei Fassaden“ gesprochen? Welche Wirkung erzielt die Formulierung?
    → Lösung: Die Menschen werden als „Fassaden“ bezeichnet, da man nur die Außenseite sieht, es gibt keinen Zugang zu ihrer Gedanken- und Gefühlswelt. Alle Begegnungen sind oberflächlich, denn jeder versteckt sich hinter seiner Fassade, niemand ist einzigartig. Die Beschreibung wirkt befremdlich und vermittelt den Eindruck von Anonymität. Es fehlt menschliche Wärme zwischen den Stadtbewohnern.
  • In V. 11 äußert das lyrische Ich „Unser Flüstern, Denken … wird Gegröle …“ — was ist damit gemeint?
    → Lösung: Da die Menschen auf engstem Raum zusammenwohnen, gibt es keine Privatsphäre. Aufgrund der dünnen Wände hört jeder unfreiwillig seine Nachbarn, jedes Geräusch scheint unangenehm laut.
  • Findest du im Gedicht typische Themen für den Expressionismus? Der Titel gibt dir bereits einen Hinweis.
    → Lösung: Anonymität der Großstadt, Verlust des Individuums, Orientierungslosigkeit

Tipp: Das lyrische Ich darfst du nicht mit dem Autor verwechseln! Wenn du das Thema wiederholen möchtest, schaust du dir am besten unser Video zum lyrischen Ich an.

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Städter — Alfred Wolfenstein: Form

In diesem Teil deiner Gedichtanalyse betrachtest du das Reimschema , das Metrum bzw. Versmaß und die Kadenzen genauer. Dabei ist wichtig, dass du die formalen Merkmale des Gedichts nicht nur nennst, sondern auch gleich interpretierst und ihre Wirkung beschreibst. Auch auf den Expressionismus gehst du hier wieder ein. So könnte ein kleiner ausformulierter Teil zur Form lauten:

„Städter“ hat die Form eines Sonetts, das Gedicht besteht also aus zwei Quartetten und zwei Terzetten. Die starre Sonettstruktur ist nicht unbedingt typisch für den Expressionismus, der alte Formen aufbricht. In dem Gedicht ist eine inhaltliche Teilung sichtbar, ein typisches Merkmal der Sonettform. Während in den ersten beiden Quartetten Beobachtungen zur Stadt und ihren Bewohnern geäußert werden, sind die beiden Terzette deutlich persönlicher — statt der Außenwelt wird die Innenwelt beschrieben. Das Gedicht weist männliche und weibliche Kadenzen auf, es besteht aus fünfhebigen Trochäen. Das Reimschema ist in den ersten beiden Quartetten gleich, ein umarmender Reim. In den Terzetten dagegen findet sich ein strophenübergreifender Reim. Die Unregelmäßigkeiten des Reimschemas in den beiden Terzetten vermitteln ein Gefühl der Unruhe. Das scheint die Orientierungslosigkeit der Großstadtbewohner widerzuspiegeln.

Tipps & Tricks – die wichtigsten Begriffe:
  • Der umarmende Reim hat das Reimschema abba, du siehst ihn z. B. in Strophe 2: hineingehakt — Fassaden, baden — befragt.
  • Das Quartett ist eine Strophe, die aus vier Versen besteht, in dem Gedicht sind das die Strophen 1 und 2.
  • Das Terzett ist eine Strophe, die nur aus drei Versen besteht, die Strophen 3 und 4 sind zwei Terzette.
  • Um die Kadenz zu bestimmen, schaust du dir die letzte Silbe eines Verses an: „Höhle“ z. B. (V. 14) endet auf einer unbetonten Silbe, das heißt, die Kadenz ist weiblich.

Um in deiner Gedichtanalyse noch weiter auf die Form einzugehen, können dir folgende Anregungen helfen:

  • Kadenz: In dem Gedicht findest du sowohl weibliche als auch männliche Kadenzen. Während sie sich in den beiden Quartetten regelmäßig abwechseln (männlich-weiblich-männlich-weiblich), endet das erste Terzett männlich-weiblich-weiblich. Im zweiten Terzett findest du das Schema weiblich-männlich-weiblich vor. Das heißt, dass „Städter“ mit einer weiblichen Kadenz endet. Anders als stumpfe männliche Kadenzen geben weibliche Kadenzen der Strophe ein klingendes, weiches Ende. Wird dadurch eventuell eine Art Widerhall erzeugt, sodass die Erkenntnis, dass jeder allein ist, noch lange nachklingt?
  • Metrum: Das Gedicht besteht aus fünfhebigen Trochäen, die sich über sämtliche Strophen ziehen. Welche Wirkung hat dieses Versmaß in dem vorliegenden Gedicht? Wirkt „Städter“ vielleicht laut und schnell und erinnert an das Schlagen eines Herzens und an das hektische Leben einer Großstadt?
  • Reimschema: Beide Quartette folgen dem gleichen Reimschema, nämlich den umarmenden Reim. Was für eine Stimmung könnte der umarmende Reim in den Strophen 1 und 2 vermitteln? Zeigt er möglicherweise, wie beengt sich die Menschen in der Großstadt fühlen?

Städter — Alfred Wolfenstein: Sprache

Als letzten Schritt deines Hauptteils schaust du dir noch die sprachliche Gestaltung an. Dabei kannst du zum Beispiel nach besonders aussagekräftigen Adjektiven suchen, beschreiben, in welcher Zeitform das Gedicht steht, oder analysieren, aus welchem Wortfeld die Nomen stammen. Ein Wortfeld ist eine Gruppe von Wörtern, die zur gleichen Wortart gehören und eine ähnliche Bedeutung haben. Außerdem analysierst du die Stilmittel und beschreibst ihre Wirkung. Eine kurze Ausformulierung für „Städter“ zum sprachlichen Mittel des Vergleichs könnte so aussehen:

In dem Gedicht werden mehrere Vergleiche genutzt, um die Anschaulichkeit zu erhöhen. Der Leser bekommt einen Eindruck von der Durchlässigkeit der Wand, die als „dünn wie Haut“ (V. 9) beschrieben wird. Anstelle von robustem, massivem Mauerwerk sind die Wände also empfindlich wie menschliche Haut. Sie sind so dünn, dass die Menschen dicht an dicht leben. Aber auch wenn alle Geräusche und Emotionen gehört werden und die Menschen ihre Privatsphäre verlieren, lebt jeder Bewohner doch abgeschottet. Trotz der räumlichen Nähe besteht keine emotionale Nähe, jeder bleibt allein. Damit wird die beklemmende und zugleich anonyme Enge, die bereits in den Strophen 1 und 2 beschrieben wurde, auf einen weiteren Teilbereich menschlichen Lebens übertragen.

In deiner Analyse solltest du auf mindestens drei weitere sprachliche Mittel oder Phänomene eingehen. Du kannst dich dabei an folgenden Fragen orientieren:

  • Schau dir die Wortfelder in dem Gedicht an. Welches typische Thema des Expressionismus erkennst du?
    → Lösung: In Wolfensteins Gedicht steht die Stadt und ihre Bevölkerung im Mittelpunkt. Das Wortfeld Stadt umfasst die Wörter Straßen, Fassaden, Trams, Häuser, Fenster und Wände. Die Stadt bzw. die Großstadt zählt zu den charakteristischen Themen des Expressionismus.
  • Das Enjambement (Zeilensprung) bricht die klassische Struktur von Gedichten auf. Findest du in der 1. Strophe Beispiele für Enjambements? Welche Wirkung haben sie?
    → Lösung: In der 1. Strophe greifen alle Sätze auf die nächste Verszeile über:Dicht wie die Löcher eines Siebes stehn / Fenster beieinander, drängend fassen / Häuser sich so dicht an, dass die Straßen / Grau geschwollen wie Gewürgte stehn.Durch diese Enjambements wird die Hektik und Unruhe der Großstadt vermittelt. Übrigens: wenn mehrere Enjambements aufeinander folgen — so wie in diesem Gedicht — spricht man auch vom „Hakenstil“.
  • Das Stilmittel der Personifikation (Vermenschlichung) ist sehr typisch für den Expressionismus. Durch die Verwendung einer Personifikation wirkt der Text bildhafter und lebendiger. An welcher Stelle findest du in „Städter“ ein Beispiel für die Personifikation?
    → Lösung: In der 1. Strophe heißt es: „drängend fassen / Häuser sich so dicht an“. Eigentlich können sich Häuser nicht drängend anfassen, sie haben kein Bewusstsein und sind nicht lebendig. An dieser Stelle werden den Häusern menschliche Fähigkeiten und Eigenschaften zugeschrieben. Durch diese Personifikation wirkt die Beschreibung der Umgebung viel dramatischer und bedrohlicher. Weitere Beispiele wären: „stehn / Fenster beieinander“ oder „Straßen / Grau geschwollen“, ebenfalls aus Strophe 1.
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Städter – Alfred Wolfenstein: Schluss

Im letzten Teil deiner Gedichtanalyse fasst du deine Erkenntnisse noch einmal kurz zusammen. Außerdem überlegst du dir, was das Gedicht für eine Bedeutung hat. Für deine Interpretation von Wolfensteins „Städter“ könnte ein Schlussgedanke so formuliert sein:

Das Sonett „Städter“ ist ein typisches Gedicht des Expressionismus, was sich an den Themen wie Großstadt, Verlust des Individuums und Orientierungslosigkeit sowie der bildhaften Sprache voller Metaphern, Vergleichen und Personifikationen erkennen lässt. Durch sprachliche und formale Aspekte wird der Inhalt unterstrichen und der scheinbare Widerspruch zwischen Nähe und gleichzeitiger Einsamkeit verdeutlicht. Das Kernproblem ist noch immer aktuell: Zwar bietet das Stadtleben viele Möglichkeiten und Chancen, aufgrund der Anonymität und Schnelllebigkeit fühlen viele sich jedoch in der Menschenmenge allein.

Expressionismus

Jetzt weißt du, wie du „Städter“ von Alfred Wolfenstein analysieren und interpretieren kannst. Um eine gute Analyse verfassen zu können, musst du dich mit der Epoche des Gedichts auskennen. Schau dir also gleich unser Video zum Expressionismus an!

Zum Video: Expressionismus
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